Wie wollen wir künftig wohnen? Unter dieser Leitfrage stand der achte Stadt Land Slam am 25. Juni 2026 im Zentrum Baukultur Rheinland-Pfalz. Eingeladen hatten die Kammergruppe Stadt Mainz und Landkreis Mainz-Bingen der Architektenkammer Rheinland-Pfalz und die Heinrich Böll Stiftung Rheinland-Pfalz. Ina Seddig, Sprecherin der Kammergruppe, eröffnete die Veranstaltung mit einer eigens gereimten Begrüßung und führte mit Witz und Rhythmus in ein Thema ein, das Politik, Planung und Gesellschaft gleichermaßen umtreibt. Dass es die eine richtige Antwort nicht gibt, zeigten die drei Vorträge.
Prof. Dr. Björn Egner von der TU Darmstadt stellte die bekannte Forderung „bauen, bauen, bauen“ auf den Prüfstand. Seine These lautete, dass das Problem weniger in der Knappheit des Wohnraums als in seiner Verteilung liegt. Anhand von Statistiken belegte er, dass Deutschland über Jahrzehnte kontinuierlich Wohnfläche hinzugewonnen hat. Zugleich sorgen demografischer Wandel, untergenutzte Wohnungen und sogenannte Lock-in-Effekte für eine Fehlverteilung des Bestands. Gemeint sind damit Situationen, in denen Menschen trotz veränderter Lebensumstände in ihrer Wohnung bleiben, weil sich ein Umzug finanziell nicht lohnt oder eine passende Alternative fehlt. So bleiben große Wohnungen belegt, obwohl sie den Bedürfnissen ihrer Bewohner längst nicht mehr entsprechen.
Felix Nowak, Diplom-Ingenieur, Architekt und Stadtplaner, richtete den Blick auf bestehende Einfamilienhausgebiete. Statt immer neue Bauflächen auszuweisen, plädierte er dafür, vorhandene Quartiere durch Nachverdichtung, Umbauten, flexible Grundrisse und gemeinschaftlich genutzte Infrastruktur weiterzuentwickeln. Im Bestand, so seine Botschaft, stecken erhebliche Reserven für eine nachhaltige Stadt- und Siedlungsentwicklung.
Eine dritte Perspektive brachte Gerrit Gaidosch vom Netzwerk gemeinschaftliches Wohnen Frankfurt e. V. ein. Gemeinschaftliche Wohnformen, so sein Befund, sind längst keine Zukunftsvision mehr, sondern werden vielerorts erfolgreich gelebt. Wohnprojekte, Genossenschaften und selbstorganisierte Initiativen verbinden ökologische, soziale und wirtschaftliche Belange. Gemeinschaft heißt dabei nicht Verzicht, sondern ein Gewinn an Lebensqualität durch geteilte Räume, gegenseitige Unterstützung und eine andere Form von Nachbarschaft.
Durch den Abend führte Sebastian W. Wagner, der die Positionen mit viel Humor verband. Selbst die Abstimmung passte sich den sommerlichen Temperaturen an. Statt zu applaudieren, kürte das Publikum die überzeugendsten Beiträge mit Fächern, Winken und einer zusätzlichen Brise Luft.
Gerade die Gegensätze machten den Reiz des Abends aus. Die Referenten vertraten teils konträre Positionen, und genau darin lag der Wert der Diskussion. Die Wohnungsfrage lässt sich nicht auf eine einzelne Lösung reduzieren. Sie betrifft den Umgang mit dem Bestand ebenso wie neue Wohnformen, Eigentumsstrukturen, Mobilität, Klimaschutz und die Frage, wie wir künftig zusammenleben wollen. Das war die zentrale Erkenntnis des Abends. Die Zukunft des Wohnens entscheidet sich nicht allein auf neuen Bauflächen, sondern dort, wo wir den Bestand neu denken. [cn]













