22. Juli 2021

Leidenschaftlich engagiert

Portraitbild Timm Helbach
Foto: Seweryn Zalazny, Mainz

Architekt Timm Helbach spricht über sein Ehrenamt in der Kammergruppe 7

Herr Helbach, Sie sind das jüngste ehrenamtlich tätige Mitglied der Architektenkammer Rheinland-Pfalz. Was war Ihre Motivation, als Sie das Ehrenamt übernommen haben und was reizt Sie bis heute an dieser Aufgabe?
Die Architektenkammer als Interessensgemeinschaft ist für unseren Berufsstand sehr wichtig. Im besten Fall ist sie aber eine Plattform für die öffentliche Wahrnehmung, auf der sich verschiedene Generationen austauschen können und so eine gewisse Pluralität mit vielen verschiedenen Haltungen zu architektonischen Inhalten gezeigt wird. Außerdem glaube ich, dass die junge Generation einen ganz anderen Hintergrund in der Lehre aber auch gesellschaftlich mitbringt als die etwas älteren Kolleginnen und Kollegen. So werden wir durch ganz andere Themenschwerpunkte geprägt, wie etwa die Transformation der Städte, Wohnraumnot oder ganz generell mobile Entwicklungen, ganz klar durch den Klimawandel, klimagerechtes Bauen und umweltverträgliche Architektur, Umnutzung, Zwischennutzung, Aufstockung und Verdichtung heißen die aktuellen Anforderungen. Kurzum: das Thema Nachhaltigkeit hat heute einen ganz anderen
Stellenwert. Und genau solche Fragen spielen auch bei unseren Arbeiten im Büro (www.mamuth.net) eine große Rolle. So versuchen wir beispielsweise das Thema Bauen mit Holz gemeinsam mit ambitionierten Zimmereien voranzubringen - eine Bauweise, für die sich Rheinland-Pfalz in der Vergangenheit eher als Entwicklungszone präsentiert hat. Ich halte es aber für sehr wichtig, dass auch solche Themen als Position in der Architektenkammer auftauchen. Vielfalt ist hier generell eine ganz wichtige Maxime. 
Die Grundmotivation war für mich aber die Tatsache, dass Architektur niemals an der Baustelle endet. Vielmehr ist Architektur gesellschaftsrelevant und hat etwas mit sich verändernden Lebenswelten zu tun, die Fragen aufwerfen, auf die man Antworten finden muss. Dieser Aspekt spielt auch in der Experten-Laien-Vermittlung eine zentrale Rolle. Und hier ist die Kammergruppe mit diversen Formaten wie dem Mainzer Architekturquartett oder dem Stadt-Land-Slam eben eine wunderbare Plattform.

Welchen Benefit bringt das Ehrenamt mit sich?
Die Kolleginnen und Kollegen der Kammergruppe üben unterschiedliche Schwerpunkte aus. So beschränken sich einige auf das Thema Ausschreibung und Vergabe, andere vertreten beispielsweise die Landschaftsarchitektur. Viele der Mitglieder sind schon sehr lange im Geschäft und ich als Leiter eines noch relativ jungen Büros profitiere natürlich von diesem fachlichen Austausch. Ich persönlich hatte das Glück, dass wir in einer gewissen Goldgräberstimmung unser Büro eröffnen konnten, also die Baubranche boomt, aber natürlich wird es irgendwann auch andere Zeiten geben, in denen es dann vielleicht nicht so gut läuft. Umgekehrt profitieren aber auch die Kolleginnen und Kollegen und sind froh darüber, dass die Mitglieder eben auch mal mit anderen Themen in den Architekturdiskurs einsteigen. 
Daneben werde ich durch die Kammerarbeit gezwungen, auch meine Arbeit im Büro stärker zu reflektieren. Ein Beispiel: der ideale Traum vom Einfamilienhaushalt gehört keineswegs der Vergangenheit an. Und hier fragt man sich schon, wie man Einfluss nehmen kann und sollte und welche Projekte man inhaltlich und gesellschaftlich vertreten kann. Und diese Reflexion auch im Austausch mit den Anderen, hilft mir schon sehr viel weiter.

Welchen Beitrag kann Ihr Berufsstand generell zu den großen zukünftigen Herausforderungen leisten?
Die Baubranche ist nach wie vor ein ganz großer Klimaeinflussparameter und ich glaube, dass wir hier einen ganz zentralen Beitrag im Sinne gesellschaftlicher Verantwortung leisten können. Oftmals sind natürlich die besten und 
nachhaltigsten Baustoffe nicht die günstigsten und hier müssen wir stärker sensibilisieren. Ich beobachte immer wieder Familien, die zwar die Äpfel für ihre Kinder ausschließlich beim Biobauern kaufen, gleichzeitig aber nicht zögern, den günstigsten Vinylboden mit Weichmachern und Kunststoff im Kinderzimmer zu verlegen – in der Nachschau, vielleicht in 20 Jahren, das Asbest unserer Zeit.

Wie sieht Ihr persönliches Agenda Setting für die kommenden Jahre aus?
Ich denke, dass wir in der Kammergruppe eine gute Mischung aus allgemeinen weltweit gültigen und lokalen Themen finden sollten. Auf lokaler Ebene wird uns das Mainzer Rathaus, die Entwicklung der Ludwigstraße, die  Landesgartenschau oder die Bewerbung der Metropolregion FrankfurtRheinMain für den Titel World Design Capitel im kommenden Jahr beschäftigen.

Warum sollten sich auch ihre Kolleginnen und Kollegen engagieren?
Ich glaube, dass jeder vom Dialog mit den Kolleginnen und Kollegen profitieren kann. Gleichzeitig entwickelt man durch die Auseinandersetzung mit bestimmten Themen und der stärkeren Wahrnehmung des Berufsstandes in der Gesellschaft ein besseres Gespür dafür, wie man beruflich selbst auch einen Beitrag zu den zukünftigen Herausforderungen leisten kann.