Gerhard Dürrs Selbstständigkeit begann 1960. Er baute mehrere Schulen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg (ein zweites Büro in Linkenheim nördlich von Karlsruhe erleichterte die Teilnahme an regionalen Wettbewerben). Sein Favorit wurde das Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium in Neustadt (1968), das seit 2020 „als gut nachvollziehbares Zeugnis der Architektursprache und -ideologie der Nachkriegsmoderne, insbesondere der Schularchitektur der 1960er Jahre“ in die Denkmalliste eingetragen ist. Und die Landeskonservatorin Roswitha Kaiser fährt fort: „So entsprechen sich Form und Funktion des Bauwerkes nicht nur in äußerst gelungener Weise, es erweist sich auch als Höhepunkt im Schaffen des Architekten Gerhard Dürr.“ Und als sollte sich das Haus mit seiner Familie anfreunden, hatte er seine drei Kinder in das neue altsprachliche Gymnasium geschickt, wo sie sich mit Latein quälen durften.
Auch seine weiteren Gebäude, vorwiegend in Neustadt und durchweg gut erhalten, dokumentieren den Zeitgeist. Man könnte mit ihnen die jüngste Baugeschichte beispielhaft „architekturwissenschaftlich“ inventarisieren. Dazu zählt das beeindruckend terrassierte Altenheim “Paul-Gerhard“ (1969). Das Schulzentrum am Böbig (1974) entsprach dem fortgeschrittenen pädagogischen Diskurs nach Funktionalität. Im selben Jahrzehnt entstand das wie ein Steckspiel plastisch formulierte Wohn- und Geschäftshaus am Kartoffelmarkt sowie weitere Alten-/Pflegeheime und Verwaltungsbauten. Die Aufträge, meist souverän über Wettbewerbe eingesammelt, führten bis nach Montabaur, Koblenz und Offenburg. In Trier war Dürr in Arbeitsgemeinschaft mit Ursula und Gerhard Freising in die Erweiterungsplanung des Rheinischen Landesmuseums involviert (1986) – ein räumlicher Spagat, der über Jahre das Familienleben geprägt hat.
Neben seiner eindeutig einer modernen Räson verpflichteten Architektursprache, die den Produktionsprozess der (Vor-)Fertigung verriet, domestizierte er aber auch rurale Elemente wie beim Rathaus in Maikammer (1983), das sich kleinteilig durch Ziegeldächer und Holzbalkone mit der dörflichen Umgebung anfreundet. Diese Balance lässt sich immer wieder entdecken. Ausdrucksloses Gefüge lag dem Architekten nicht. Wenn man Tragwerke auflösen konnte, eine Konstruktion zeigen, eine Öffnung plastisch markieren oder sich wenigstens das Zusammentreffen von lagerndem Riegel und stützendem Pfeiler herauspräparieren ließ, dann zögerte er nicht, daraus ein einleuchtendes Motiv zu entwickeln – keine kunstgewerbliche Dekoration. Manchmal halfen eine Dachschräge, filigrane Stahlkonstruktionen, die Haustechnik oder eine Sequenz betonierter Wasserspeier, um der Baumasse ihre lähmende Schwere nehmen.
Betrachtet man das Werkverzeichnis, könnte man auf ein deutlich größeres Büro schließen. Tatsächlich arbeitete Gerhard Dürr nach seinem Debüt bei Hirsch + Bohne in Karlsruhe zunächst allein, anschließend zwanzig Jahre lang mit Klaus Gauger als Büropartner und zuletzt in Bürogemeinschaft mit seinen Kindern Susanne und Martin. Sein Büro residierte in einer Jugendstilvilla (1906) in der Neustadter Pfalzgrafenstraße. Das Haus aus bossierten Sandsteinquadern, mit Türmchen und allen Dachsperenzien des Historismus, steht in aussichtsreicher Lage. Ich habe dort direkt nach dem Studium einige Monate ahnungslos und etwas linkisch an einem Wettbewerb für ein Schulzentrum mitgezeichnet, zugleich aber das Gefühl genossen, dass in einem so herrschaftlichen Haus zeitgemäße Architektur entstehen kann. Die beiden Partner – ich glaube, sie haben sich zeitlebens gesiezt – waren sehr unterschiedlich. Während Gauger sich, kontemplativ Pfeife qualmend, um die laufenden Entwürfe im Büro kümmerte, war Dürr – gerne etwas knarzig – unterwegs und besorgte das Geschäft. Immobilien! tuschelten die Mitarbeiter. Ebenso war er beim BDA und in den Architektenkammern in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz aktiv, dort Mitglied der Vertreterversammlung und Vorsitzender der Kammergruppe Süd-Pfalz. Bis zuletzt traf ich ihn bei Architekturveranstaltung auf dem Hambacher Schloss. Manchmal hat er mich – schon über 90 – gut gelaunt in seinem Mercedes-SUV nach Hause gefahren. Sein Auto stand oft vor seinem mittlerweile zur Ruhe gekommenen Büro, wo er sich immer noch beschäftigte und eine Sekretärin Korrespondenz erledigen ließ. Er hat dabei wohl auch in seinen Erinnerungen aufgeräumt. Es scheint, als habe ihn die Architektur bis zuletzt sinnvoll durchs Leben begleitet. Mitte Juni hat er es losgelassen.