Brauereigaststätte, Mehrfamilienwohnhaus oder Fahrradwerkstatt?
Impulse für die Gesprächsrunde gaben Dr. Ben Brix, Baufrösche (Kassel), mit der Umnutzung der Disibodenberger Kapelle zu einer Brauereigaststätte, Hermann Condné, Bischöfliches Generalvikariat Trier, mit der Transformation von Kirchen zu Wohnhäusern und Peter Köddermann, Geschäftsführer „Baukultur NRW“, der einen Leitfaden „Kirchengebäude erhalten, anpassen und umnutzen“ vorstellte.
Zunächst spektakulär klang die Verwandlung einer Kapelle des 14. Jahrhunderts zu einer Brauereigaststätte in Bad Sobernheim. Tatsächlich barg die Aufgabe zahlreiche denkmalpflegerische und bautechnische Herausforderungen. Der emotionale Schritt war hier vergleichsweise leicht: Die Kapelle wurde schon vor langer Zeit profaniert, zuletzt diente sie als Druckwerkstatt. Dennoch ging es den Architekten immer darum, mit einem besonderen Ort respektvoll umzugehen und den ehemals sakralen Raum durch die teilweise Wegnahme späterer Einbauten wieder erlebbar zu machen. Wirtschaftlich war das Projekt nur im Paket mit dem angrenzenden Gelände möglich. Dem Investor wurde zur Auflage gemacht, die Kapelle zu revitalisieren. Zur Aufgabe der Baufrösche wurde, ihm diese „Kröte“ verdaulich zu machen.
Im Bistum Trier wurden in den vergangenen Jahren mehrere Kirchen zu Wohnhäusern umgenutzt. Hermann Condné, Bereichsleiter Bau und Immobilien des Bischöflichen Generalvikariates in Trier, stellte exemplarisch Maria Königin in Trier-Pallien vor. Im Fokus seiner Arbeit steht die strukturierte Diskussion in und mit den Gemeinden, wie der nötige Transformationsprozess gut begleitet werden kann. Klar wurde: Während im städtischen Kontext die nächste Kirche nie weit ist, drohen im ländlichen Raum mit der Profanierung von Kirchen Fixpunkte des sozialen Lebens verloren zu gehen.
Diesen Verlust der gemeinwohlorientierten Nutzung kirchlicher Immobilien will Peter Köddermann nicht einfach hinnehmen. Kirchliche Immobilien seien mehr als Investments. Er nahm Kommunen und Kirchen in die Pflicht, Ideen und Prozesse zu entwickeln, die Transformation am Gemeinwohl orientieren. Als Beispiel nannte er das Bistum Essen: Hier wurden 96 von knapp 400 Kirchen schon aufgegeben und der Prozess läuft weiter. Köddermann lenkte den Blick auf die gesellschaftliche und politische Dimension dieser fundamentalen Veränderung, die zu Unsicherheit und Verlusterfahrungen führt. Sein Ansatz: Den nicht mehr sakral genutzten Ort weiter für gesellschaftliche Zwecke nutzen und – wo aktuell keine langfristige Lösung greifbar ist – reversibel und pragmatisch auf Zeit spielen.
Denn gerade Zeit ist ein wichtiger Baustein für gelingende Prozesse. Ideen müssen entwickelt werden, Lösungen müssen reifen, jedes Gebäude hat seine eigene Geschichte, Potenziale und einen jeweils spezifischen Kontext im Stadtquartier oder im Dorf, aus dem heraus gedacht werden muss. Weder Wohnhaus noch Gaststätte und auch die Fahrradwerkstatt sind keine Blaupausen. Der von Baukultur NRW entwickelte „Leitfaden für Kommunen, Gemeinden und Engagierte“ ruft daher zunächst auf, Kirchenräume als wertvolle Ressourcen zu sehen, nicht als unwirtschaftliche Problemfälle.
Edda Kurz, Vizepräsidentin der Architektenkammer, Andreas Klodt, Dekan des Ev. Dekanats Mainz und Felix Edlich, Abteilungsleiter im Ministerium für Kommunen, Bauen, Wohnen und Kultur Rheinland-Pfalz ließen aus ihrer jeweiligen Perspektive in der Begrüßungsrunde ebenfalls keinen Zweifel daran, dass Kirchen als bau- und soziokulturelle Identifikationspunkte die besondere Aufmerksamkeit jeweils aller benötigen, da sie Heimat sind und Heimat prägen. Pfarrerin Jasmin Schönemann-Lemaire, Pfarrerin der Christuskirche, formulierte genau dies in der Schlussrunde als Ziel auch der Veranstaltungsreihe OASE 2026.