01. September 2026

Heimat Kirche?

Heimat Kirche
Wie ehemals sakrale Räume neu genutzt und mit Leben gefüllt werden können, dieser Frage widmete sich die Veranstaltung "Heimat Kirche?" am 3. September 2026
Foto: Kristina Schäfer, Mainz

Am Ende des Abends gab es kein Fragezeichen mehr. Denn dass Kapellen, Kirchen und Gemeindehäuser für die meisten Menschen – ob religiös gebunden oder nicht – alles andere als gewöhnliche oder verzichtbare Orte sind, nämlich Orte, die Heimat prägen, wurde am 3. September in der Mainzer Christuskirche sehr schnell klar.

Dennoch, viele dieser Gebäude stehen zur Disposition. Bauwerkserhalt und laufende Bewirtschaftungskosten sind für viele Gemeinden immer schwerer aufzubringen, gezwungenermaßen sind Diskussionsprozesse längst auf dem Weg. Was ist also zu tun? Über Verlust, Rettung und Transformation zu sprechen, hatten das Ministerium für Kommunen, Bauen, Wohnen und Kultur, die Architektenkammer Rheinland-Pfalz und das Evangelische Dekanat Mainz gemeinsam mit der Evangelischen Innenstadtgemeinde Mainz eingeladen. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Reihe „OASE 2026“ statt.

Brauereigaststätte, Mehrfamilienwohnhaus oder Fahrradwerkstatt?

Impulse für die Gesprächsrunde gaben Architekt Dr. Ben Brix, Baufrösche (Kassel), mit der Umnutzung der Disibodenberger Kapelle zu einer Brauereigaststätte, Hermann Condné, Bischöfliches Generalvikariat Trier, mit der Transformation von Kirchen zu Wohnhäusern und Peter Köddermann, Geschäftsführer des Vereins „Baukultur NRW“, der den Leitfaden „Kirchenräume neu denken. Ein Leitfaden für Kommunen, Gemeinden und Engagierte“ vorstellte.

Zunächst spektakulär klang die Verwandlung einer Kapelle des 14. Jahrhunderts zu einer Brauereigaststätte in Bad Sobernheim. Tatsächlich barg die Aufgabe zahlreiche denkmalpflegerische und bautechnische Herausforderungen. Der emotionale Schritt war hier aber vergleichsweise leicht: Die Kapelle wurde schon vor langer Zeit profaniert, zuletzt diente sie als Druckwerkstatt. Dennoch ging es den Architekten immer darum, mit diesem jenseits der denkmalpflegerischen Bedeutung immer noch besonderen Ort respektvoll umzugehen. Durch die teilweise Wegnahme späterer Einbauten wurde der ehemals sakrale Raum sogar wieder erlebbar zu machen. Ebenso herausfordernd war die ökonomische Seite, denn nur im Paket mit der Entwicklung des angrenzenden Geländes war das Projekt überhaupt wirtschaftlich darstellbar. Dem Investor des Gewerbegebietes wurde daher zur Auflage gemacht, die Kapelle zu revitalisieren. Zur Aufgabe der Baufrösche wurde es, ihm diese „Kröte“ verdaulich zu machen. 

Im Bistum Trier wurden in den vergangenen Jahren mehrere Kirchen zu Wohnhäusern umgenutzt. Hermann Condné, Bereichsleiter Bau und Immobilien des Bischöflichen Generalvikariates in Trier, stellte exemplarisch Maria Königin in Trier-Pallien vor. Im Fokus seiner Arbeit steht die strukturierte Diskussion in und mit den Gemeinden. Ihm geht es darum, wie der nötige Transformationsprozess begleitet werden kann. Klar wurde: Während im städtischen Kontext die nächste Kirche nie weit ist, ein vergleichbarer Ort also erreichbar ist, drohen im ländlichen Raum mit der Profanierung von Kirchen oder auch nur mit der Aufgabe von Gemeindehäusern Fixpunkte des sozialen Lebens verloren zu gehen.

Diesen Verlust der gemeinwohlorientierten Nutzung kirchlicher Immobilien will Peter Köddermann nicht einfach hinnehmen. Kirchliche Immobilien seien mehr als Investments. Er nahm Kommunen und Kirchen in die Pflicht, Ideen und Prozesse zu entwickeln, die Transformation am Gemeinwohl orientieren. Als Beispiel nannte er das Bistum Essen: Hier wurden schon 96 von knapp 400 Kirchen aufgegeben und der Prozess läuft weiter. Köddermann lenkte den Blick auf die gesellschaftliche und politische Dimension dieser fundamentalen Veränderung, die zu Unsicherheit und breiten Verlusterfahrungen führt. Sein Plädoyer: Diese emotionale Seite muss Ernst genommen werden, um gesellschaftlichen Erosionsprozessen vorzubeugen. Sein Ansatz: Den nicht mehr sakral genutzten Ort weiter für gesellschaftliche Zwecke nutzen und – wo aktuell keine langfristige Lösung greifbar ist – reversibel und pragmatisch auf Zeit spielen, um künftigen Lösungen Zeit zum Wachsen zu geben. 

Denn gerade Zeit ist ein wichtiger Baustein für gelingende Prozesse. Ideen müssen entwickelt werden, Projekte müssen reifen, jedes Gebäude hat seine eigene Geschichte, eigene Potenziale und einen jeweils spezifischen Kontext im Stadtquartier oder im Dorf, aus dem heraus gedacht werden muss. Weder Wohnhaus noch Gaststätte und auch die Fahrradwerkstatt sind keine unmittelbar übertragbaren Blaupausen. Übertragbar ist oft allerdings die Herangehenseise der Protagonisten an die Aufgabe. Der von Baukultur NRW entwickelte „Leitfaden für Kommunen, Gemeinden und Engagierte“ ruft daher zunächst auf, Kirchenräume als wertvolle Ressourcen zu erkennen, nicht als unwirtschaftliche Problemfälle. 

Kirchen prägen Heimat

Edda Kurz, Vizepräsidentin der Architektenkammer, Andreas Klodt, Dekan des Ev. Dekanats Mainz und Felix Edlich, Abteilungsleiter im Ministerium für Kommunen, Bauen, Wohnen und Kultur Rheinland-Pfalz ließen aus ihrer jeweiligen Perspektive in der Begrüßungsrunde ebenfalls keinen Zweifel daran, dass Kirchen als bau- und soziokulturelle Identifikationspunkte die besondere Aufmerksamkeit jeweils aller benötigen, da sie Heimat sind und Heimat prägen. Jasmin Schönemann-Lemaire, Pfarrerin der Christuskirche, formulierte genau dies in der Schlussrunde als Ziel auch der Veranstaltungsreihe OASE 2026.