Zwei Tage lang diskutierten in Potsdam rund 350 Berufene des Konvents der Baukultur über den Zustand und die Zukunft des Planens und Bauens in Deutschland. Wohnraummangel, Klimaanpassung, Ressourcenschonung, Bürokratieabbau, Beschleunigung. Die Themen waren die bekannten, und sie werden es auch bleiben. Doch ein Gedanke zog sich durch viele Beiträge, der im Alltag der Branche oft zu kurz kommt. Die Frage nach der Gestaltung.
Auch unser Präsident Joachim Rind nennt genau diesen Punkt als seinen wichtigsten Eindruck. Die Frage, was schön ist, und die Auseinandersetzung mit Gestaltungsprinzipien fielen neben den drängenden alltäglichen Themen, Förderprogramme, Baurecht, Kostendruck, regelmäßig unter den Tisch. Dabei sei genau das der Kern dessen, was Architektur von einer rein technischen Disziplin unterscheide.
Wie zentral dieser Gedanke auf dem Konvent verhandelt wurde, zeigte auch die Keynote von Vittorio Magnago Lampugnani, der die Beziehung zwischen Ästhetik und Nachhaltigkeit auf eine Formel brachte: Nur nachhaltige Architektur sei schön und nur schöne Architektur nachhaltig. Eine bewusst zugespitzte These, die aber den Finger in eine Wunde legt, die auch Rind beschreibt. Wer Gestaltung als nachrangig behandelt, riskiert am Ende auch die Nachhaltigkeit, weil ein Gebäude, das niemand mag, selten lange steht und selten gepflegt wird.
Ein zweiter Aspekt betrifft die Ausbildung. Rind beobachtet seit Jahren, dass Entwurf und Gestaltungslehre nicht mit dem nötigen Fokus behandelt werden und dass die Grenzen zwischen reinem Bauingenieurwesen und Architektur, insbesondere an den Hochschulen, immer stärker verschwimmen. Diese Beobachtung deckt sich mit einem der zentralen Themen des Basislagers der Baukultur, das dem Konvent vorausging. Im Forum „Handwerk & Gestaltung" diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Schule, Ausbildung und Hochschule unter dem Titel „Der gleichwertige Weg", wie sich Entwurf, Planung, Fertigung und Ausbildung wieder enger verzahnen lassen und wie ein gleichwertiger Zugang zu Hochschulstudium und Handwerk aussehen kann. Dass am Ende dieses Forums das „Manifest der Baukultur zur Ausbildung im Handwerk" verabschiedet wurde, lässt sich als Antwort auf genau jene Erosion lesen, die Rind beschreibt. Wenn gestalterische Kompetenz schon in der Ausbildung an den Rand gedrängt wird, fehlt sie später in der Praxis, mit Folgen für die Qualität unserer gebauten Umwelt insgesamt.
Bemerkenswert ist, dass Rind auf denselben sprachlichen Ursprung verweist, der auch dem neuen Baukulturbericht 2026/27 zugrunde liegt, den Reiner Nagel auf dem Konvent vorstellte: „Gestalten – Prozesse, Bauen, Zusammenhalt". Der Begriff „Kultur" gehe, so Rind, auf das lateinische Wort für Pflege und Kultivieren zurück. Baukultur bedeute deshalb nicht primär das fertige Bauwerk, sondern die kontinuierliche Pflege des gesamten Prozesses, vom ersten Entwurfsgedanken über die Ästhetik bis zur Umsetzung und darüber hinaus. Diesen Begriff ins Zentrum zu rücken, sei keine akademische Spitzfindigkeit, sondern der eigentliche Hebel.
Rinds Fazit dazu ist unmissverständlich. Wenn es gelinge, Baukultur in diesem umfassenden, pflegenden Sinn tatsächlich in den Mittelpunkt zu rücken, der Gestaltung, der Ausbildung, des gesamten Planungs- und Bauprozesses, dann komme man am Ende dort an, wo eigentlich alle hinwollten: bei einer gebauten Umwelt, die funktioniert, Bestand hat und die Menschen anspricht, die in ihr leben.
Der Konvent der Baukultur 2026 hat keine neuen Antworten auf die großen Fragen des Bauens geliefert. Wohnraum, Klima, Ressourcen bleiben so dringlich wie zuvor. Aber er hat eine Verschiebung der Perspektive angestoßen. Weg von der reinen Problemlösung, hin zur Frage, wie wir bauen wollen. Diese Verschiebung beginnt nicht im fertigen Gebäude, sondern in der Ausbildung, im Entwurf, in der täglichen Praxis und sie beginnt mit der Bereitschaft, ästhetischen Anspruch wieder als das zu behandeln, was er ist: kein Add-on, sondern der Maßstab.














