Ein Baumstamm über einem Bach. So fängt es an. Und so simpel dieses Bild klingt, so präzise trifft es den Kern: Jede Brücke, ob antiker Aquädukt oder moderne Schrägseilkonstruktion, löst im Wesentlichen dasselbe Problem. Eine Last wirkt ein. Das Bauwerk muss reagieren. Die Frage ist nur: wie?
Diesen Fragen widmete sich die Lehrkräftefortbildung „Brücken – Weiten überspannen", die die Architektenkammer Rheinland-Pfalz am 28. Mai 2026 im Zentrum Baukultur Rheinland-Pfalz in Mainz durchführte. Dr. Dr. Arne Winkelmann, der die Reihe bereits mehrfach mit großem Erfolg geleitet hat, entfaltete vom Baumstamm ausgehend die ganze konstruktive Vielfalt des Brückenbaus und damit zugleich einen fächerübergreifenden Zugang zu Physik, Kulturgeschichte und Gestaltung, der sich unmittelbar im Unterricht nutzen lässt.
Den Auftakt bildeten die drei Grundtypen: Balken, Bogen, Seil. Die Balkenbrücke ist die elementarste, aufgrund der begrenzten Spannweite, zugleich aber auch die limitierteste Form. Der Bogen löst dieses Problem durch eine andere Kraftableitung: Er leitet die Last seitlich in die Widerlager und trägt sich, wenn die Steine richtig gesetzt sind, praktisch von selbst. Mörtel ist dabei nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich, er würde unter dem Druck irgendwann zerbröseln, während trockene Steine durch ihre natürliche Reibung auf Position bleiben. Die Römer hatten das früh begriffen und zur Meisterschaft geführt: Ihre Aquädukte überbrücken nicht nur enorme Distanzen, sondern halten auf Kilometern ein Gefälle von wenigen Zentimetern aufrecht, ohne Lasertechnik, nur mit Wasser als Messinstrument. Bei den Seilbrücken schließlich wird die Fahrbahn nicht gestützt, sondern gehalten: Hängebrücken wie die Golden Gate Bridge oder Schrägseilkonstruktionen wie die Pylonbrücke in Ludwigshafen zeigen, wie elegant Kräfte über Pylone ins Erdreich abgeleitet werden können. Besonders eindrücklich: Die schlanken Stützen der Öresundbrücke sind nicht einmal querverstrebt und halten trotzdem. Das, so Winkelmann, sei eben Ingenieurskunst.
Im Vortrag verteilte er Zahnstocher und Gummibärchen. Die Teilnehmenden sollten ein Viereck bauen. Es wackelte, gab nach, kollabierte. Erst das Dreieck stand. Das Prinzip Fachwerk, Grundlage für Krane, Stahlbrücken und Traversenkonstruktionen aller Art, erschloss sich in diesem Moment unmittelbarer als jede Zeichnung es vermocht hätte.
Weniger heiter, aber ebenso eindrücklich war das historische Filmdokument zur Tacoma-Narrows-Bridge, die 1940 unter Windeinwirkung ins Schwingen geriet und kollabierte. Der Wind war nicht einmal besonders stark, erklärte Winkelmann, aber er blies in Böen, die an der Fahrbahn eine Angriffsfläche fanden und eine Schwingung erzeugten, die sich immer weiter aufaddierte. Dasselbe Prinzip steckt hinter dem Verbot des Gleichschritts auf manchen Brücken. Die Tacoma-Katastrophe war für den Ingenieurbau das, was der Untergang der Titanic für den Schiffbau war, die drastische Mahnung, dass auch das scheinbar Beherrschte seine Grenzen hat. Man hat nachgebessert und die Seitenkonstruktion der neu errichteten Brücke deutlich schmaler gewählt.
Es folgten Beispiele bebauter Brücken: der Ponte Vecchio in Florenz mit dem Vasarikorridor der Medici im Obergeschoss, die mittelalterliche Krämerbrücke in Erfurt, die alte Brücke in Frankfurt mit ihren Torhäusern und Zollstationen. Winkelmann zeigte, wie die Brücke in der Geschichte nie nur Übergang war, sondern immer auch Schwelle: Kontrollpunkt, Gefängnis, neutraler Verhandlungsort zwischen verfeindeten Kommunen, Zollstation zwischen Fürstentümern. Wer die Brücke kontrollierte, kontrollierte den Verkehr und damit Macht und Geld.
Symbolisch besonders bedeutsam ist die Stadt Mostar. Die alte Bogenbrücke über die Neretva, seit Jahrhunderten Sinnbild des friedlichen Miteinanders verschiedener Völker auf dem Balkan, wurde im Bosnienkrieg gesprengt. Ihr Wiederaufbau nach Kriegsende war eine der ersten Gesten der Versöhnung. Brücken sprechen eine Sprache, die jeder versteht. Auf den Euro-Banknoten sind deshalb auf der Vorderseite Fenster verschiedener Bauepochen abgebildet, auf der Rückseite Brücken als Symbol europäischer Verbindung. Ein Motiv, das täglich durch unzählige Hände geht, meist ohne bewusst wahrgenommen zu werden.
Im Anschluss an den Vortrag machte sich die Gruppe auf den Weg zur Theodor-Heuss-Brücke, um die konstruktiven Prinzipien des Tages am realen Bauwerk zu überprüfen. Den Abschluss bildete ein praktischer Workshop, in dem die Lehrkräfte eigene tragfähige Brückenmodelle entwarfen und bauten. Der Tag folgte damit dem bewährten Dreischritt der Fortbildungsreihe: hören, sehen, handeln und zeigte einmal mehr, wie unmittelbar sich Architektur und Baukultur im Unterricht verankern lassen.