Wie konnte das passieren? Ums Jacobsen-Rathaus wurde lange gekämpft. Auch andere Zeugnisse der Nachkriegsmoderne in Mainz fanden in den vergangenen Jahren dank engagierter Publizisten, dank wacher Bürgerinnen und Bürgern eine Öffentlichkeit und konnten so bewahrt werden – nicht zuletzt durch die „Betonisten“ oder das Buch „Mainz 1945 bis 1970 – Die verkannte Epoche des Wiederaufbaus“. Doch in der Ruhe ausklingender Sommerferien fiel eine Ikone der Industriearchitektur, das Verwaltungsgebäude der Schott AG, dem Bagger zum Opfer – einfach so.
Die Ansiedlung von Schott war ein wichtiger Meilenstein des Wiederaufbaus im kriegszerstörten Mainz. Sie wurde längst zum Stück Stadt- und Zeitgeschichte, denn Werksgelände, Schonsteine und Verwaltungsgebäude symbolisierten in Form und Funktion den Aufbruch und die Innovation jener Jahre. Denn mit Ernst Neufert hat die Schott-AG 1952 einen Architekten beauftragt, der am Staatlichen Bauhaus Weimar ausgebildet wurde und im Atelier bei Walter Gropius gearbeitet hat, bevor er 1946 an die Hochschule in Darmstadt als Professor berufen wurde, wo er das Profil der Architekturfakultät prägte und zu einem der renommiertesten Industriebauarchitekten der jungen Bundesrepublik Deutschland wurde. Die Schott-Werke in Mainz gehörten neben den Bauten für die Dyckerhoff AG in Wiesbaden und das Großversandhaus Quelle zu seinen bekanntesten Bauwerken.
Neufert plante eine rational gedachte Industrieanlage, die die Funktionalität der Produktionsabläufe in klarer Gestalt und wertiger Materialität umsetzte. Den repräsentativen Kopf der Anlage bildete das siebengeschossige Verwaltungsgebäude als innovativer Stahlbeton-Skelettbau, dessen klare
ausmachte. Die Leichtigkeit des etwas zurückspringenden Staffelgeschosses mit auskragendem Flach- und das dynamisch ausgreifende Flugdach des Haupteingangs standen in spannungsvollem Kontrast zur Funktionalität der Rasterstruktur. Sie setzten damit den gestalterischen Akzent, der bis zuletzt die Qualität der Komposition ausmachte.
Dies alles fehlt nun. Ausgerechnet ein Weltkonzern, der „Innovation“ zu seinem Markenkern erklärt, beseitigt das gebaute Zeugnis seiner Innovationsgeschichte. Moderne Arbeitswelten seien hier nicht mehr unterzubringen, vernimmt man als einen der Gründe. Dass ein Rasterbau wie der von Neufert nicht flexibel genug sein sollte für aktuelle Ansprüche, leuchtet schwer ein. Doch selbst wenn: Wie lange ist wohl die Halbwertzeit dieser Ansprüche? Kennen wir nicht alle die wechselnden „Office“-Moden ausreichend gut, um Zweifel an Gültigkeit und Weisheit der neuesten zu haben?
Eigentümer erhaltenswerter baukultureller Zeugnisse haben die Verpflichtung zum Erhalt und zur Pflege eines Erbes, das ihnen selbst nur auf Zeit gehört. Es in die Zukunft zu tragen, sollte selbstverständlich sein. Mancher Eigentümer mag dieser Verpflichtung nicht ausreichend erkennen. Die Erkenntnis zu fördern und die rechtlichen Möglichkeiten für den Erhalt des Erbes auszuschöpfen, das ist die Aufgabe der Denkmalpflege. Sie setzt dem Partikularinteresse nötigenfalls das Gemeinwohl entgegen.
Doch so war es nicht. Die Schott AG hat tun dürfen, was sie tat. Der Verwaltungsbau stand noch nicht unter Denkmalschutz. Dabei war er kein verborgenes Juwel. Publikationen zum Gebäude gab und gibt es. Die in Schutt gefallenen Qualitäten waren breit bekannt. Wo war die Inventarisierung? Die tiefe Abrissgrube, die nun an der Hattenbergstraße zu besichtigen ist, steht Pate für die Tiefe des Versäumnisses.
Der Neufert-Bau ist verloren. Was also lernen wir aus dem Verlust? Was aus dem Vorgang? Wie steht es mit den anderen Neufert-Bauten in Rheinland-Pfalz, beispielsweise in Bingen? Wie steht es um die Inventarisierung und den Schutzstatus weiterer Ikonen des 20. Jahrhunderts? Allfällige Klagen um Kapazitäten führen nicht weiter bei der Frage, wie der nächste Abriss verhindert werden kann. Ein Einrichten in der Ressourcenknappheit löst kein Problem.
Und richtig, die Unterschutzstellung ist kein Allheilmittel. Das BASF-Hochhaus in Ludwigshafen, Zeugnis der gleichen Zeit, stand unter Schutz. Es fiel trotzdem. Doch wer nicht kämpft, hat längst verloren. Er gibt sich und seine Aufgabe preis – fast unbemerkt im Sommerloch.
Edda Kurz, Vizepräsidentin
Annette Müller, Hauptgeschäftsführerin