16. Juni 2026

DenkmalWohnen – Umnutzung statt Verfall

Gesprächsrunde
Gesprächsrunde: Marc Hübert, Peter Strobel, Anna Lena Dörr (Moderation), Edda Kurz, Gerold Weber
Foto: Kai Mehn, Neustadt

Bei den 13. Hambacher Architekturgesprächen standen Chancen und Herausforderungen der Umnutzung denkmalgeschützter Industrie- und Gewerbebauten im Mittelpunkt.

Leerstehende Gewerbe- und Industriegebäude zählen zu den größten ungenutzten Ressourcen. Zentral gelegen, infrastrukturell hervorragend angebunden und häufig von hoher baukultureller Qualität, bieten sie enormes Potenzial für die Schaffung dringend benötigten Wohnraums. Gleichzeitig bewahren sie die Geschichte eines Ortes und stiften Identität.

Welche Chancen und Herausforderungen mit der Umnutzung denkmalgeschützter Industrie- und Gewerbebauten verbunden sind, stand im Mittelpunkt der 13. Hambacher Architekturgespräche. Im Festsaal des Hambacher Schlosses diskutierten Denkmalpfleger, Architektinnen und Architekten und Investoren über die Transformation von Industriebrachen in lebendige Wohnquartiere.
 

Zwischen Wohnungsnot und Denkmalschutz

Schon im Begrüßungstalk wurde deutlich: Die Umnutzung bestehender Gebäude ist weit mehr als eine architektonische Aufgabe. Sie ist ein gesellschaftliches und ökologisches Zukunftsthema.

Landeskonservator Dr.-Ing. Markus Fritz-von Preuschen von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz verwies auf die besonderen Herausforderungen denkmalgeschützter Industriebauten. Altlasten und Kontaminationen seien häufig ebenso ein Thema wie die Frage, wie sich neue Nutzungen integrieren ließen, ohne den Charakter eines Industriedenkmals zu verlieren. Wesentlich sei es, die oft großzügigen räumlichen Strukturen als identitätsstiftende Qualitäten zu bewahren.

Für Kammerpräsident Joachim Rind liegt gerade darin die besondere Attraktivität solcher Gebäude. In einer Zeit zunehmender Standardisierung wachse die Sehnsucht nach unverwechselbaren Orten. Industriebauten böten einzigartige Wohnqualitäten und eine starke Identifikation. Die Entwicklung der Loftwohnungen in New York habe dies bereits in den 1980er- und 1990er-Jahren eindrucksvoll gezeigt.

Hans-Ulrich Ihlenfeld, Landrat des Landkreises Bad Dürkheim und stellvertretender Vorsitzender der Stiftung Hambacher Schloss, betonte, dass Investoren oft zögerlich seien. Hohe Baukosten, gestiegene Zinsen und anspruchsvolle Brandschutzanforderungen machten viele Projekte zu einem wirtschaftlichen Wagnis. Sein Appell: Der Denkmalschutz müsse flexibler werden. „Lieber ein Gebäude teilweise erhalten, als es vollständig verfallen zu lassen.“
 

Von der Textilfabrik zum BOB Campus

Wie aus einer ehemaligen Textilfabrik ein lebendiges Quartier entstehen kann, zeigte Marc Hübert vom Kölner Büro raumwerk.architekten am Beispiel des Krühbusch-Hofs auf. Das Ensemble mit zwei gründerzeitlichen Wohnhäusern, einer Remise mit markantem Schornstein und gewerblich genutzten Shedhallen ist Teil des 2025 mit dem Deutschen Städtebaupreis ausgezeichneten BOB Campus.

Die früheren Betriebswohnungen wurden zu überwiegend gefördertem Wohnraum umgebaut. Zwischen den sanierten Gebäuden entstand mit dem „Krühbusch-Hof“ ein gemeinschaftlicher Begegnungsort. Der Nachbarschaftspark am Bob Campus bietet mit seinen terrassierten Gemeinschaftsgärten, die geschickt den Höhenunterschied von 13 Metern nutzen, zusätzliche Aufenthaltsqualität im Freien. 

Das Projekt setzt konsequent auf Low-Tech-Lösungen wie Photovoltaik und ein einfaches Luftaustauschsystem. Wohnen, Arbeiten, Bildung, Kultur und Nachbarschaft greifen hier eng ineinander. Hüberts Fazit: „Von außen hat sich fast nichts verändert.“ Eindrucksvolle Vorher-Nachher-Aufnahmen belegten, wie behutsam die Transformation erfolgte. 

 

Von der Reithalle zur bewohnten Markthalle

Einen völlig anderen Ansatz präsentierte Michael Welle aus Nordrach mit der Umnutzung der denkmalgeschützten Reithalle auf dem ehemaligen Illenau-Areal in Achern. Die historische Halle wurde zu einem vielfältig genutzten Ensemble mit Markthalle, Café, Buchhandlung, Ausstellungsflächen, Büros und Wohnungen transformiert. Das Besondere: Alle Nutzer betreten das Gebäude über einen gemeinsamen Eingang. Dadurch entstünde eine hohe Frequenz und ein lebendiger Austausch zwischen Bewohnern, Besuchern und Gewerbetreibenden, so Welle.

Die historische Hallenstruktur blieb weitgehend erhalten. Neue Einbauten wurden in Holzbauweise umgesetzt und sensibel in den Bestand integriert. Besonders anspruchsvoll erwiesen sich Brand- und Schallschutzanforderungen.

Auch die Baugeschichte selbst erzählt von Ressourcenschonung: Die 1945 errichtete Halle entstand als Reparationsleistung an Frankreich und wurde bereits damals mit wiederverwerteten Bauteilen errichtet. Das Projekt, das gemeinsam mit Investor Gerold Weber entwickelt wurde, gilt inzwischen als beispielhafte Verbindung von Denkmalpflege, Wohnen und urbanem Leben.
 

Industriegeschichte als Zukunftsmodell

Dass eine ganze Stadt von der Transformation eines ehemaligen Industrieareals profitiert, veranschaulichte Peter Strobel anhand des PFAFF-Quartiers in Kaiserslautern. Bayer & Stobel Architekten haben das alte Kesselhaus aus dem Jahr 1899 revitalisiert. Die Besonderheit: Sie sind zugleich Architekten, Bauherren und Nutzer des Gebäudes. Heute beherbergt das markante Bauwerk mit historischen Fenstern und Trennwänden aus Stahl zwei Büroeinheiten, zwei Maisonettewohnungen und ein Apartment. Diese Kombination aus Wohnen und Arbeiten unter einem Dach entspricht der Vision für das gesamte Quartier: ein lebendiger, urbaner Ort für Kreativwirtschaft und modernes Stadtleben.

Zugleich verdeutlicht das Projekt die Herausforderungen der Umnutzung ehemaliger Industrieareale. Die Aufbereitung kontaminierter Böden verursacht erhebliche Kosten, bevor überhaupt gebaut werden kann. Dennoch entwickelt das Pfaff-Gelände eine bemerkenswerte Dynamik: Das öffentliche Interesse ist groß, weitere historische Gebäude sollen erhalten und neuen Nutzungen zugeführt werden. 
 

Mit dem Bestand bauen, nicht gegen ihn

Vizepräsidentin Edda Kurz bezeichnete den Gebäudebestand als „Schatz, den man erhalten muss“. Erfolgreiche Umnutzungen entstünden nur, wenn alle Beteiligten frühzeitig zusammenarbeiteten. Standardlösungen gebe es nicht. Jeder Bestand verlange nach einer individuellen Antwort.

Wirtschaftlichkeit müsse stets mitgedacht werden, ebenso die Frage nach den tatsächlichen Nutzungsmöglichkeiten eines Gebäudes, ergänzte Marc Hübert. Peter Strobel formulierte das Leitmotiv des Abends in einem Satz: „Mit dem Bestand bauen und nicht dagegen.“ Investor Gerold Weber lobte die konstruktive Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege, räumte aber zugleich ein: „Man muss ein bisschen verrückt sein“, um ein Projekt wie die Reithalle Achern zu realisieren.

Moderatorin Anna Lena Dörr zog schließlich den Bogen zurück zum Ausgangspunkt der Veranstaltung. Die vorgestellten Projekte seien Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Sie zeigten, dass Gebäude – unabhängig von ihrem formalen Denkmalstatus – Geschichte erzählen und Identität stiften. Besonders im Quartier werde dieser Mehrwert sichtbar: Wo früher Produktionsstätten standen, entstehen heute lebendige Orte zum Wohnen, Arbeiten und Zusammenleben.