21. November 2011

Baukultur ...zum Zweiten

Präsident Stefan Musil beklagt mangelnde Baukultur beim Erweiterungsbau der FH Koblenz.

Die Architektenkammer fördert ihrem gesetzlichen Auftrag folgend Baukultur in Rheinland-Pfalz auf verschiedenen Wegen, nach Innen auf Kolleginnen und Kollegen hin zielend, nach Außen auf Politik und Gesellschaft. Dabei wird sie organisatorisch, verbal und finanziell vom Land unterstützt. Gemeinsam hat man sich Vieles auf die Fahne der Baukultur geschrieben: eine Stiftung, einen Dialog, ein Zentrum gar. Doch Vorsicht, wenn Anspruch und Wirklichkeit nicht im Einklang stehen; in der Werbebranche gilt, dass nichts einem schlechten Produkt mehr schadet als gute Werbung.

Wer die Fahne der Baukultur hochzieht, muss auch durch gute Beispiele für Wind sorgen, damit sie weht. In Wort und Schrift verbreitete Absichtserklärungen taugen wenig, wenn nicht Alles, was mit Bauen zu tun hat, von Kultur durchdrungen ist; angefangen bei der Stand-ortanalyse, über Projektentwicklung, VOF-Vergaben, Planung, Baudurchführung, bis hin zu Nutzung und Erhaltung.

Das setzt aber - wie Immanuel Kant es definierte - ein Mindestmaß an „Moralität“ voraus, um eine Abgrenzung von reiner Zivilisation zu schaffen. Das Streben nach Baukultur verlangt ein „umfassend auf den guten Zweck hin“ ausgerichtetes Handeln - Ästhetik ist ein Teil davon; das zur Theorie.

In der Praxis ist es Aufgabe der Kammer als Institution, weiter aufzuklären, zu schulen, für Baukultur zu werben. Ihre Mitglieder selbst - freischaffend, angestellt oder beamtet - haben die natürliche und gebaute Umwelt und das Werk früherer Kollegen bei ihrer Arbeit zu würdigen und zu respektieren. Immobilieneigentümer und Nutzer müssen sich ihrer Verantwortung für die Gesellschaft bewusst werden, die ertragen muss, was jene in Stadt und Landschaft stellen lassen. Zuletzt hat das Land als öffentlicher Auftraggeber und Planer bei alledem die absolute Vorbildfunktion, wenn sein Engagement als ernst gemeint verstanden werden soll.

Der Appell des Tessiner Architekten Luigi Snozzi bringt es auf den Punkt: „Jeder Eingriff bringt Zerstörung, zerstöre mit Verstand!“ Wer sich die jüngste Erweiterung der FH Koblenz ansehen muss, wird von alledem nichts spüren. Bis vor kurzem konnte Rheinland-Pfalz zur deutschen Hochschullandschaft einen besonders beeindruckenden und einzigartigen Gesamtkomplex beisteuern, den man schon vor seiner endgültigen Fertigstellung auch im „Architekturführer Rheinland-Pfalz 1945 - 2005“ aufgenommen hatte.

Aus einem Architektenwettbewerb hervorgegangen war der Entwurf über 20 Jahre Maßstab für die konsequente städtebauliche und architektonische Realisierung. Sensibel eingebunden in die Stadtstruktur und im respektvollen Dialog mit dem Landschaftsraum stehend, war die FH ein großer Gewinn für den Hochschulstandort und die Stadt Koblenz. Ihre gesamte Entstehung von der Projektentwicklung bis hin zur Realisierung ein Musterbeispiel für aufkeimende Baukultur in Rheinland-Pfalz.

Die Kammstruktur der FH Koblenz vor...
...und nach dem Eingriff. Fotos: Ernst Eichler, Alzey

Mit einem deplatzierten und dilettantischen Erweiterungsbau, welcher den hohen Anspruch der ihn umgebenden Bebauung völlig negiert, gerät das Konzept nun völlig aus den Fugen. Unfassbar, dass man Lehrenden, Studierenden, dort Arbeitenden und auch vorbeigehenden Wanderern einen solchen Anblick zumutet.

Mit Baukultur hat das nichts zu tun; in dieser Hinsicht haben alle Beteiligten versagt, die FH als Nutzer und Auftraggeber, der planende Architekt des Herstellers, zustimmende Architekten beim LBB, Genehmigende bei der Stadt. Alle waren sich offensichtlich ihrer Verantwortung für Baukultur und die gebaute Umwelt nicht bewusst.

Ohne Respekt vor der Leistung des Urhebers wurde dieser weder informiert noch konsultiert. Er hätte bessere, wirtschaftlichere und nachhaltigere Konzepte bieten können, zumal es schon eine passende Erweiterungsplanung und dafür hergestellte Fundamente gab.

Inwieweit Urheberrecht aus juristischer Sicht verletzt wurde, kann dahin stehen, wenn sich jeder unbedarfte Laie bei einem solchen Anblick verwundert und bestürzt die Augen reibt. Das Ergebnis ist in der Tat beschämend; derart begossen hängt die rheinland-pfälzische Fahne der Baukultur zumindest auf der Karthause in Koblenz ziemlich schlapp am Mast. Dem Vernehmen nach handelt es sich um einen Temporärbau - freilich erdbebensicher gegründet. Bleibt zu hoffen, dass das Land handelt und auf schnellstmögliche Beseitigung dieses Schandflecks hinwirkt.

Erinnert sei an den Klartext „Baukultur ... ein 3x hoch“ des für den ursprünglichen Bau der FH verantwortlichen Kollegen Ernst Eichler. Er schlug die Vergabe von Preisen für miserable Beiträge zur Baukultur unseres Landes vor. Nach der Eventarchitektur mit „Eifelstadl“ am Nürburgring könnte nun zum zweiten Mal mit 3 vollen Punkten ausgezeichnet werden. Der erste Punkt für die Verunstaltung eines ausgezeichneten Werkes der Baukultur, der zweite für mangelnden Respekt vor einem Urheber und der dritte für das schlechteste Beispiel, das man Studenten einer Hochschule mit Fakultät für Architektur bieten kann.

Präsident Stefan Musil, Ransbach-Baumbach