18. März 2021

Neue Wohnformen - Lebensformen - Miteinander

Vorstandsmitglied Herbert Hofer
Vorstandsmitglied Herbert Hofer
Heike Rost, Mainz

Wohnen im Gemeinschaftlichen oder eigenen Zuhause?

Klimaangepasstes Bauen sieht Prof. Lamia Messari-Becker als nationale Aufgabe. Arbeitsplatznahes Wohnen muss, so ihr Credo, bezahlbar sein. So oder so ähnlich lauten auch die Forderungen nach einer „15 Minuten-Stadt“ oder dem New Green Deal der EU.

Wohnen hat neben der ökologischen auch die soziale und die gesellschaftspolitische Dimension und eine ökonomische und eine emotionale dazu. Letztlich verschränken sich im Wohnen höchst individuelle Auffassungen vom eigenen Lebensglück mit harten Finanzierungsfragen, sozialer Verantwortung und gesellschaftlichen Übereinkünften oder Gräben. Noch vor ein, zwei Jahrzehnten war es Mode, kommunale Haushalte durch den großangelegten Verkauf des Wohnungsbestandes zu sanieren. Nicht etwa die individuelle Eigentumsbildung von Mietern stand im Vordergrund oder gar ein Übertragen des Bestandes an gemeinwohlorientierte genossenschaftliche Organisationsformen – maximaler Ertrag war die Devise. Der Spekulation von Großinvestoren war Tür und Tor geöffnet. Innerhalb weniger Jahre stiegen die Mieten teils drastisch. Die Bevölkerungsentwicklung forcierte binnen kürzester Zeit Knappheit und Wertsteigerung. Wollten Kommunen das heute zurückkaufen – ein Vielfaches der früheren Erlöse wäre fällig. Anderswo wurde mit Blick auf die schrumpfende Bevölkerung seit Mitte der 90er Jahre zu wenig gebaut. Die Wende braucht Zeit und Baugrund – knappe Güter, beides.

 

Bezahlbares Wohnen und eine neue Bodenpolitik, gehen uns deshalb alle an.
Herbert Hofer,

Die schmerzenden Fehler von gestern lenken den Blick nach Wien, wo seit einem Jahrhundert kontinuierlich ins bezahlbare Wohnen investiert wird – oft mit hoher Qualität und ohne Stigmatisierung von Quartieren oder Bewohnergruppen. Derweil ist Deutschland, trotz Bauspartradition seit den 1950er Jahren, beim Wohneigentum in Europa Schlusslicht – mit der Schweiz und Luxemburg. Aber warum? War nicht die Förderung der Eigentumsbildung das Mantra vieler Regierungen? Welche Auswirkungen hat das auf die Wirtschaft, das Klima und die Gesellschaft, in der wir leben?

Emotionale Wellen schlägt die Frage, ob wir uns Einfamilienhäuser noch leisten sollen oder dürfen? Das Wort der „Bauscham“ folge der „Flugscham“ auf dem Klimafuß, während jenseits der städtischen Speckgürtel die Dorfkerne veröden. Höchste Zeit, das eng verschnürte Bündel von Fragen und Einflüssen rund ums Wohnen zu entwirren. Neue, differenzierte Konzepte und gute Ideen sind gefordert, um bezahlbares Wohnen – ob in gemeinwohlorientierten Wohnmodellen, in Genossenschaften oder im Wohneigentum - möglich zu machen. Wer sagt, dass solche Träume nur im freistehenden Einfamilienhaus Realität werden? Nachhaltige, gemeinwohlorientierte Bodenpolitik orientiert sich auch an Klimaschutz und Ressourcenschonung. Selbst in den Städten ermöglichen genossenschaftliche Modelle die Bildung von Gemeinschaftseigentum. Qualität bei der Innenentwicklung stärkt mit Klimaschutz und Bewohnerzufriedenheit auch das soziale Gleichgewicht. Ein Schlüssel ist das Bodenrecht. Seine Reform ist Anliegen von Professor Löhr von der Hochschule Birkenfeld. Hier neu zu denken, tut not, soll die Spreizung zwischen arm und reich, die sich auch in ungenügender Wohnraumversorgung ausdrückt, nicht ungebremst weitergehen. Ihr schleichendes Gift kann am Ende unser Gesellschaftsmodell gefährden. Bezahlbares Wohnen und eine neue Bodenpolitik gehen uns deshalb alle an.