27. November 2013

Zukunft Wohnen im Bestand:

Eine Frau und drei Männer stehen im Gespräch zusammen
Roswitha Sinz, VdW Rheinland Westfalen e.V., Oberbürgermeister der Stadt Worms Michael Kissel, Finanz- und Bauminister Dr. Carsten Kühl und Harms Geissler, Architekt aus Worms in der Diskussion zu Handlungsansätzen.
Foto: Kristina Schäfer, Mainz

Zweiter Frühling für Einfamilienhäuser ist Stadtsanierung: Warum die Sanierung von Einfamilienhäusern insbesondere in den gewachsenen, innenstadtnahen Siedlungen der 50er bis 80er Jahre nicht nur Privatsache ist, machte Finanz- und Bauminister Dr. Carsten Kühl klar:

Mein Haus ist 60, ich bin 30 - haben wir eine gemeinsame Zukunft? In etwa so lautete die Frage, vor der der Erbe eines Siedlungshauses aus den 50er Jahren in Worms stand - sein Haus wurde inzwischen umfassend und kostengünstig saniert. Ausgehend von diesem konkreten Fall nahm eine interdisziplinär besetzte Diskussionsrunde mit dem Titel „Zukunft Wohnen im Bestand“ die Sanierung von Einfamilienhäusern der 50er bis 80er Jahre in den Fokus. Prof. Dr. Annette Spellerberg, Stadtsoziologin der TU Kai­sers­lautern, und Bau- und Finanzminister Dr. Carsten Kühl diskutierten am 26. November im Zentrum Baukultur im Mainzer Brückenturm mit dem Wormser Oberbürgermeister und Vorsitzenden des Städtetages, Michael Kissel, und Thorsten Griebel, dem Geschäftsführer der LBS Immobilien GmbH, welche Dynamik für die Stadtentwicklung in Einfamilienhaussiedlungen steckt.

Warum die Sanierung von Einfamilienhäusern insbesondere in den gewachsenen, innenstadtnahen Siedlungen der 50er bis 80er Jahre nicht nur Privatsache ist, machte Finanz- und Bauminister Dr. Carsten Kühl klar: „Für das Flächenland Rheinland-Pfalz wird es von hoher Bedeutung sein, die Ortskerne zu erhalten und sie den sich ändernden Anforderungen an Wohnqualität anzupassen. Nur Neubaugebiete auszuweisen, ist der einfache, aber falsche Weg. Wir müssen den Bestand und die Eigenheime stärken und den zukünftigen Bedürfnissen nachkommen.“ Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels ist es auch stadtsoziologisch von großer Bedeutung, die Innenstädte, Dorfzentren und die den Siedlungskernen nahen Wohnquartiere zu stärken, so Prof. Dr. Annette Spellerberg, die an der TU Kaiserslautern zahlreiche Studien zur Entwicklung des Wohnens in Rheinland-Pfalz durchgeführt hat.

Im Gegensatz zum Geschosswohnungsbau, der durch die Wohnungsunternehmen großflächig saniert und heutigen Wohnstandards angepasst werden kann, fallen die Entscheidungen für die Sanierung von Einfamilienhäusern sehr individuell. Die Entwicklung in den Quartieren kann sehr heterogen verlaufen. Wie in einem typischen Siedlungshaus durch die grundlegende Sanierung zeitgemäßes Wohnen mit hohen energetischen Standards Platz finden kann, machte Architekt Harms Geissler aus Worms gemeinsam mit den Bauherren Elke und Roland Kaul am Beispiel eines Hauses in der Nikolaus-Ehlen-Siedlung in Worms anschaulich.

Jürgen Hill, Vorstandsmitglied der Architektenkammer und selbst Architekt und Innenarchitekt lenkte bei der Eröffnung des Abends den Blick auf die seitens der Kammer vergebenen Preise und den Tag der Architektur: An guten Beispielen mangele es - so Jürgen Hill - keineswegs „Allerdings ist längst nicht jedem Käufer oder Erben eines sanierungsbedürftigen Hauses bewusst, dass nicht nur im Neubau, sondern gerade bei den oft komplexeren Fragen der Bestandssanierung Architekten und Innenarchitekten Partner sind, die sich auszahlen“.

Thorsten Griebel, Geschäftsführer der LBS Immobilien GmbH und Michael Kissel, Oberbürgermeister der Stadt Worms und Vorsitzender des Städtetages in Rheinland-Pfalz waren sich in der Einschätzung einig, dass in den Ballungsräumen die Nachfrage das Angebot an Wohnraum für Kauf und Miete bei Weitem übersteigt. Die gewachsenen Einfamilienhausgebiete sind besonders attraktiv, weil innenstadtnah, mit guter Infrastruktur versorgt und inzwischen gut durchgrünt. Unter dem Druck des Marktes haben junge Familien allerdings Schwierigkeiten, mit den geforderten Preisen Schritt zu halten. Doch lohne sich der Weg in die eigenen vier Wände nach wie vor, so Griebel. „Das historisch günstige Zinsniveau hilft bei der Finanzierung und macht auch höhere Investitionen leistbar. Wer als Selbstnutzer eine Bestandsimmobilie erwirbt, sorgt zudem aktiv für das Alter vor. Eine nachhaltige Modernisierung - energetisch und barrierefrei - sichert den Werterhalt langfristig“, erklärte Griebel.

In der Verantwortung der Städte liegt es, Baurecht so anzuwenden, dass zeitgemäße Sanierungen möglich, maximale Nachverdichtung zu Lasten der Bewohnerstruktur aber vermieden wird. Oberbürgermeister Michael Kissel betonte, dass dabei der Grundsatz "Innenentwicklung vor Außenentwicklung" in der kommunalen Bauleitplanung längst im Vordergrund stehe, im innerstädtischen Geschosswohnungsbau der Einbau von Aufzügen und die Modernisierung der barrierefreien Wohnungszuschnitte auf die Bedingungen der älter werdenden Gesellschaft ausgerichtet sein müsse. Die Diskussion fand unter fachkundiger Moderation von Roswitha Sinz, ARGE rheinland-pfälzischer Wohnungsunternehmen, statt.