19. November 2015

Wege zu mehr Wohnungsbau

Es diskutierten: Moderatorin Alexandra May, Staatssekret

Aktionsbündnis "Impulse für den Wohnungsbau Rheinland-Pfalz" nimmt Stellung zu Baukostenproblematik.

19. November 2015
15/2015

Mainz. Wohnraum ist in den Ballungsräumen und Universitätsstädten des Landes knapp und teuer. Ganz besonders gefragt sind bezahlbare Mietwohnungen. Die Neubautätigkeit steigt zwar, reicht aber längst nicht aus, die Lücke zu schließen. Beim Kompaktkongress „Wege zu mehr Wohnungsbau“ im Zentrum Baukultur in Mainz am 19. November sahen Experten des Bundes und des Landes, der Immobilien- und der Bauwirtschaft, Architekten und Wissenschaftler in immer weiter steigenden Baukosten eine ganz wesentliche Ursache hierfür. Neben der Problemanalyse stand die Suche nach Lösungswegen im Mittelpunkt des Nachmittags. Eingeladen hatte das Aktionsbündnis „Impulse für den Wohnungsbau“, ein Zusammenschluss von zwölf landesweiten Organisationen aus den Bereichen des Planens und Bauens, der Wohnungswirtschaft, der Mieter- und Sozialverbände.

Staatssekretär Prof. Dr. Salvatore Barbaro brachte die Herausforderung im Wohnungsbau so auf den Punkt „Es ist Ziel der Landesregierung, schneller zu bauen, ohne allerdings die Sicherheit und Qualität der Bauten außer Acht zu lassen. Ein gewisses Maß an Komfort, an Standards und einer entsprechenden Gestaltungsqualität in den Wohnungen ist notwendig. Wir brauchen guten, bezahlbaren Wohnraum für alle.“

Ursachen der Baukostenentwicklung

Die Veranstalter des Kompaktkongresses hatten die Ursachen steigender Gestehungskosten im Wohnungsbau in einem Positionspapier herausgearbeitet: „Seit dem Jahr 2000 sind die Baukosten um nahezu 40 Prozent gestiegen. Die Gründe liegen nur zum geringeren Teil bei den Material- und Lohnkosten. Die wirklichen Kostentreiber sind die staatlichen Regulierungen durch Bauauflagen, Energiegesetze oder höhere Steuern. Wer preisgünstigen Wohnraum will, muss die Bauinvestitionen massiv fördern und darf nicht weiter an der Kostenspirale drehen“, so Thomas Will, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft rheinland-pfälzischer Wohnungsunternehmen.

Michael Neitzel vom Bochumer InWIS-Institut, der als Projektleiter „wissenschaftliche und technische Begleitung der Baukostensenkungskommission“ für das Bundesbauministerium tätig war, nahm in einzelnen Schlaglichtern Tiefenanalysen der Kostenentwicklung vor. Am Beispiel des Kostenverhältnisses von Rohbau- zu Ausbaugewerken machte er deutlich, wie stark ein immer höherer Technisierungsgrad zur Baukostenentwicklung beiträgt: Während die Entwicklung der Rohbaukosten seit der Jahrtausendwende im Bereich der allgemeinen Teuerung liegt (rund 25 Prozent Steigerung), zogen die technischen Ausbaugewerke mit einem Plus von mehr als 45 Prozent davon. Einen weiteren wichtigen Faktor der Kostenentwicklung machte Neitzel bei den ständig erneuerten Normen des Baubereiches aus. Ohne die Veröffentlichung von Empfehlungen der Baukostensenkungskommission vorweg zu nehmen betonte Neitzel, dass die jeweiligen Zusammenhänge und Mechanismen komplex seien.

Jan Eitel, Geschäftsführer der Trierer EGP GmbH sah in der Diskussionsrunde des Abends die entscheidende Herausforderung zur Baukostensenkung in der Lösung des Zielkonfliktes von Standards und Kostensenkung: „Wir sehen Notwendigkeiten und befürworten Lösungsansätze, aber nicht vor unserer eigenen Haustüre. Ähnlich verhält es sich im Baugeschäft: Wir sehen die Kostentreiber, wollen aber keinerlei Abstriche beim Status Quo machen. Das Problem unserer Zeit: Wir wollen immer alles. Und genau das wird nicht gelingen.“

Neue Dynamik in der Kostendiskussion

Die Dynamik der Diskussion um Baukostensenkung und die Steigerung des Wohnungsbaus machte Dr. Ulrich Hatzfeld, Leiter der Unterabteilung Grundsatzangelegenheiten und planungsrelevante Rechtsetzung im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit deutlich: „Der aktuelle Zustrom von Flüchtlingen und die Notwendigkeit, diese schnell und angemessen unterzubringen, hat zu einer lebhaften Debatte über Verfahrenserleichterungen und Standardabsenkungen geführt. Zwischenzeitlich sind die bauplanungsrechtlichen Hemmnisse zur Errichtung von Flüchtlingsunterkünften maßgeblich reduziert. Zu den Fragen einer Baukostensenkung werden demnächst rund 60 Vorschläge einer Baukostensenkungskommission vorgelegt; Analoges gilt für die Frage der Baulandschaffung. Ferner wurden mehrere Förderprogramme zur Finanzierung dieser Einrichtungen auf den Weg gebracht. Vor diesem Hintergrund hält die Bundesregierung bei der Errichtung von Wohnungen an den Zielen der Nachhaltigkeit fest, wie sich aus internationalen und nationalen Nachhaltigkeitsstrategien ergeben.“

Den Fokus auf die Bewohner lenkte Albrecht Bähr. Der Vorsitzende der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege in Rheinland-Pfalz wollte die Frage der Standards nicht nur als Kostenfaktor, sondern auch als Frage sozialer Verantwortung diskutieren: „Menschenwürdiger und bezahlbarer Wohnraum für alle hat eine tiefgreifende Wirkung auf das Wohlergehen und den sozialen Frieden in unserer Gesellschaft. Es ist eine zentrale Aufgabe des Landes und der Kommunen, eine Wohnungsbau- und sie ergänzende Infrastrukturpolitik zu betreiben, die sich in erster Linie an den Bedarfen der Menschen und dann erst an denen des Marktes orientiert.“

Aus der Vergangenheit lernen

Diesen Aspekt stellte auch Privatdozent Dr. Georg Wagner-Kyora in den Vordergrund. Sein Ansatz als Historiker für Neuere und Neueste Geschichte an der Leibniz-Universität Hannover war es, die Forderung nach einem neuen programmatischen Wohnungsbau vor dem historischen Kontext einzuordnen. Dabei fokussierte er sich auf den Wohnungsbau der ersten Nachkriegsjahrzehnte: „Der Soziale Wohnungsbau der Bundesrepublik Deutschland hat in den 1950er und 1960er Jahren europa- und weltweit Standards gesetzt, wie die staatliche Sozialpolitik auf das Feld der Wohnungslosigkeit ausgedehnt werden kann. Neben dem quantitativen Unterbringungserfolg besteht seine historische Leistung nicht nur in zahlreichen organisations- und finanzpolitischen sowie technologischen und städtebaulichen, auch architektonischen Innovationen. Sondern er hat in der Summe die inneren Verhältnisse der Bundesrepublik dauerhaft befriedet, indem er den Grundstein legte zur massenhaften Integration Heimatloser auf dem Wege der eigenen vier Wände. Damit zählt er zu den sozial integrativ wirkenden Stabilisierungsfaktoren, zu einem Grundpfeiler unseres Staates“.

Schnell - Bezahlbar - Seriell

Einen sehr konkreten Schritt zu einem neuen sozialen Wohnungsbau in Rheinland-Pfalz schlug Gerold Reker, Präsident der Architektenkammer Rheinland-Pfalz und Sprecher des Aktionsbündnisses Impulse für den Wohnungsbau, in der abschließenden Diskussion vor. Unter dem Motto „Schnell - Bezahlbar - Seriell“ rief er die Akteure im geförderten Wohnungsbau, im Wesentlichen Land, Kommunen und Wohnungswirtschaft gemeinsam mit den Architekten im Land zu einer Innovationswerkstatt auf. Er schlug ein sehr kompaktes Verfahren vor, um konkret in die Kommunen übertragbare Modellplanungen zu entwickeln. Die Realisierung in den jeweiligen städtebaulichen Situationen solle durch Umsetzungsworkshops begleitet werden. Ziel sei die Etablierung eines selbst lernenden Modells. „Die Suche nach praktikablen, dabei ebenso schnellen wie finanzierbaren Lösungen, die zu einem deutlich wahrnehmbaren Zuwachs im bezahlbaren Wohnungsbau führen, hat seit Beginn der Diskussion um Flüchtlinge und Asylbewerber größte Dringlichkeit erhalten. Vor dem vermeintlichen Primat von Kosten und Fristen darf die Qualitätsdiskussion im Wohnungsbau jedoch nicht weichen. Städte sind soziale Räume. Falsche planerische Entscheidungen evozieren hohe Folgekosten.“

 

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