15. Dezember 2014

Tourismus + Architektur - Ein neues Erfolgspaar

Im gemeinsamen Interview erläutern DEHOGA-Präsident Gereon Haumann und der Präsident der Architektenkammer, Gerold Reker, warum das Miteinander gut für beide Seiten ist.

Der DEHOGA Rheinland-Pfalz und die Architektenkammer Rheinland-Pfalz haben sich auf einen „letter of intent“ verständigt, um den ersten Grundstein für die Verbindungsbrücke Gastgewerbe, Tourismus und Architektur zu setzen. Im gemeinsamen Interview erläutern DEHOGA-Präsident Gereon Haumann und der Präsident der Architektenkammer, Gerold Reker, warum das Miteinander gut für beide Seiten ist.

„Wein und Architektur“ ist mittlerweile zu einem bekannten Begriffspaar geworden; im Gastgewerbe müssen wir uns an so etwas erst noch gewöhnen, oder?


Reker:
„Wein und Architektur“, „Reformation und Architektur“, es gab schon viele solcher Verbindungsbrücken. „Wein und Architektur“ ist eine Vorstufe zu unserem Vorhaben. Es wird Zeit brauchen und muss gelebt werden. Bei „Wein und Architektur“ haben wir allein vier Symposien veranstaltet, bis das Miteinander selbstverständlich geworden ist. Auch in der nun beschlossenen Kooperation mit dem Gastgewerbe sehen wir viel Potenzial.

Haumann: Das Vorhaben ist sehr ambitioniert. „Wein und Architektur“ ist ein Erfolgsmodell und ich gebe gerne zu, dass ich mit Respekt darauf schaue. Und mir ist sehr wohl bewusst, dass unser Projekt beileibe kein Sprint, sondern ein Marathon ist. Entscheidend ist der erste Schritt und den tun wir mit einem konkreten Termin, einer gemeinsamen Auftakt-Veranstaltung am 5. Mai des nächsten Jahres.

Reker: Wir haben sicher noch nicht sehr viele Berührungspunkte; Architektur und Gastgewerbe haben sich bislang eher aneinander vorbeibewegt. Doch ähnlich wie bei den Winzern steht auch im Gastgewerbe ein Generationenwechsel an und es besteht die Chance, dass die Nachfolger den Mehrwert durch das Miteinander mit den Architekten aller Fachrichtungen erkennen.

Haumann: 60 Prozent aller gastgewerblichen Betriebe in Rheinland-Pfalz stehen vor der Unternehmensnachfolge. Das ist eine riesengroße Herausforderung aber auch eine ebenso große Chance.

Wohlfühlen, Komfort und Nachhaltigkeit: Das sind drei Schlagworte, die für Gastgeber und Gäste gleichermaßen wichtig sind. Was kann hier die Architektur für einen Beitrag leisten?

Reker: Das Marketing allein macht nicht den Erfolg, sondern das Produkt muss stimmen. Es muss authentisch und ehrlich sein. Das Wohlfühlen darf nicht suggeriert sein, sondern muss ehrlich empfunden werden. Es geht also nicht ums oberflächliche Behübschen. Nachhaltigkeit heißt, auf Dauer angelegt sein, den Wert bewahren. Das ist, was Architektur, Innenarchitektur und Landschaftsarchitektur sowie Stadtplanung wollen und sollen: Räume schaffen, die alle fünf Sinne ansprechen, die ihren dauernden oder zeitweiligen Nutzern gut dienen, die Komfort aus einer gelungenen Bewältigung der Aufgabe heraus entwickeln.

Haumann: Es ist interessant, was Sie hier zu den fünf Sinnen sagen; denn wir haben oft Probleme mit den Gästen, wenn es etwa um die Akustik geht. Vielen ist es zum Beispiel zu laut in einem Restaurant. Wer Probleme mit dem Gehen hat, ist dankbar für einen barrierefreien Boden mit einem entsprechenden Belag. Und nur was auf Dauer angelegt ist, stellt auch einen Wert da. Es muss nicht alle fünf Jahre ein neuer Restaurantstil her. Ich habe eine Frage an Sie, Herr Reker: Wie bewahren wir unsere Betriebe vor den „falschen“ Architekten?

Reker: Es gibt beispielsweise das klassische Instrument des Architektenwettbewerbs, dort konkurrieren Architekten mit Entwürfen für die konkrete Aufgabe. Das ist ein transparentes Verfahren, in dem Architekten Lösungsansätze für die konkrete Aufgabe anbieten. Er ist ein Optimierungswerkzeug und eine gute Entscheidungsgrundlage und auch für mittlere Investitionen beim Neubau und im Bestand sinnvoll. Wer die Vergleichsmöglichkeiten nutzt kann die für ihn kostengünstigste Lösung finden - und zwar für das gesamte Projekt. Es besteht oft der Irrglaube, der Architekt sei die größte Kostenposition bei einem Bauvorhaben. Das stimmt nicht - allerdings er stellt mit seinen Planungen - im Zusammenspiel mit dem Bauherren und seinen Wünschen - die Weichen für die Gestehungs- und Betriebskosten Der laufende Unterhalt ist über die Lebenszeit des Gebäudes betrachtet, die teuerste Position - ob diese Kosten relativ hoch oder niedrig sind, entscheidet sich zum großen Teil in der Planung. Ein Architektenwettbewerb dient dazu, das beste Konzept zu finden, nicht den billigsten Architekten. Dessen Honorar ist in der Honorarordnung regelt. So gibt es keine bösen Überraschungen. Und auch die Leistungen sind so beschrieben.

Wolfram Siebeck sagte einmal: „Ihren Avantgardismus bekunden moderne Gastronomen, indem sie durchgeknallte Innenarchitekten beauftragen, die gute Stube in eine Luxusturnhalle zu verwandeln." Wie wichtig ist das Design tatsächlich?


Reker:
Der Satz von Wolfram Siebeck belegt ziemlich eindrucksvoll, wo die Trennlinie von Design, verstanden als oberflächliche Effekthascherei, und wirklicher Architektur oder Innenarchitektur zu ziehen ist. Nehmen Sie die jungen Köche im Land. Sie bieten gute Produkte und eine regionale Küche an. Eine Schickimicki-Küche braucht es dazu nicht. Es geht um eine qualitätsvolle Planung, und die hat zunächst mit Luxus wenig zu tun, sondern mit Nachdenken. Architekten und Innenarchitekten ordnen Räume und gestalten Funktionen. Da geht es nicht um die Auswahl einer Tapete, sondern um die Gestaltung von Authentizität und Identität. Ob das gelingt oder einer vermeintlichen Mode nachgelaufen wird, spürt der Gast.

Haumann: Das ist sehr ermutigend. Wir dürfen nicht mit Schminke blenden. Zumal Schminke teuer ist. Was zählt, ist die Güte des verarbeiteten Produktes und die von Herzen kommenden Gastlichkeit. Das spürt der Gast.

Bei Architektur denken wir unwillkürlich zuerst an Neubau. Was leistet die Architektur bei Umbau oder Renovierung?

Reker: Vier von fünf Bauaufgaben, grob geschätzt, bewegen sich heute im Bestand. Die Gesinnung hat sich geändert; es wird nicht mehr gleich alles abgerissen, sondern es geht um Ressourcenschonung. Ein gelungenes Beispiel ist das Art-Hotel im Herzen von Kaiserslautern, wo Frau Lauterbach aus dem traditionellen Gastronomiebetrieb ihrer Eltern zusammen mit einer Innenarchitektin ein authentisches Hotel mit einer interessanten Konzeptidee entwickelt hat. Gut gemacht.

Haumann: Wir werden gar nicht daran vorbeikommen, im Bestand notwendige Veränderungen vorzunehmen.

Ein großes Thema ist die Barrierefreiheit. Kann der Architekt hier den Gastgeber unterstützen?

Reker: Natürlich, in dem er nicht nur Barrierefreiheit, sondern selbstverständliche Nutzbarkeit für alle Menschen gleich welchen Alters, Geschlechtes oder körperlicher Fitness plant. Und wir dürfen bei dem Thema nicht immer nur an die Rollstuhlfahrer denken. Wie sieht es zum Beispiel mit einem Parkplatz für Rollatoren aus. Diebstahlsicher? Barrierearmut ist heute eine der Basisaufgaben der Architekten aller Fachrichtungen.

Haumann: Barrierearmut - der Begriff gefällt mir sehr, weil er den Bestand in unseren Ortskernen berücksichtigt. Nehmen Sie als Beispiel Bernkastel-Kues: Fast alle Eingänge haben dort Stufen aus Schutz vor Hochwasser. Es wäre fatal, diese Problematik aus dem Thema auszuklammern. Den Betroffenen geht es nicht in erster Linie um Deutsche Industrienormen, vielmehr muss die Barriere in den Köpfen der Menschen fallen. Und dies gelingt nicht einfach dadurch, dass man die reine DIN-Lehre predigt.

Reker: Genau. Barrierearmut und Barrierefreiheit umfassen viele Bereiche, denken Sie an das Problem von Licht und Schatten, oder um die richtige Betthöhe, um Schiebetüren im Badezimmer und so weiter. Die Barrierearmut in den Gasträumen muss selbstverständlich sein und darf keine Krankenhausatmosphäre schaffen. Im Bestand schafft man es manchmal nicht, komplett barrierefreie Lösungen umzusetzten, da geht es um bestmögliche Annäherungen und darum, es als Basisanforderung in der Planung zu verstehen.

Immer mehr Gäste reisen individuell und möchten am Zielort viele Optionen zur Gestaltung ihrer Ferienzeit vorfinden. Reicht es dann, wenn nur Hoteliers und Gastronomen investieren oder sind auch andere Akteure gefordert?

Reker: Viele Urlaubsregionen machen vor, wie vernetzte, vielfältige, umweltschonende und attraktive Angebote für Genuss-, Familien- und Aktivurlaub verknüpft werden können. Landschaftliche und kulturelle Attraktionen werden dort oft mit anspruchsvollen Erschließungsbauwerken inszeniert. Aussichtspunkte an norwegischen Fjorden sind da ebenso spektakulär wie der Panoramablick über eine aufgelassene Tagebergbaulandschaft oder eine uralte Wegeverbindung wie das Timmelsjoch. In Rheinland-Pfalz könnte der neue Nationalpark im Hunsrück eine willkommene Gelegenheit sein, an die Qualität der genannten Vorbilder heran zu kommen.

Haumann: Unabhängig davon, ob Rheinland-Pfalz einen Nationalpark benötigt oder nicht, habe ich immer darauf hingewiesen, dass ich den Nationalpark im Hunsrück für eine große Chance für die Entwicklung dieser Region halte. Der Nationalpark hätte auch im Pfälzer Wald liegen können, weil dort die touristische Infrastruktur stimmt. Doch will man eine Region voranbringen, dann bietet das Nationalparkprojekt dafür einen sehr guten Ansatz.

Der DEHOGA Rheinland-Pfalz und die Architektenkammer Rheinland-Pfalz haben einen „letter of intent“ unterschrieben. Was sind die ersten gemeinsamen Schritte?

Reker: Lassen Sie uns einen Schritt nach dem anderen gehen. Ein einziges Symposium ist ein Anstoß, aber noch nicht mehr. Ihre erste Frage zielte auf den Wein. Hier hatten wir vier Symposien und inzwischen drei Architekturpreise Wein seit 2005, das sind nun zehn Jahre. Es würde mich freuen, wenn wir in fünf oder zehn Jahren mit unserem Thema Ähnliches erreicht hätten.

Haumann: Das Symposium am 5. Mai ist der Start. In unserer Branche ist die große Herausforderung die Unternehmensnachfolgeprozesse - auch bezüglich der Baulichkeiten - moderierend zu begleiten und gute Partner dafür anzubieten. Das Symposium soll bei den DEHOGA-Mitgliedern den Wunsch wecken, die Zusammenarbeit mit der Architektenkammer mit Leben zu erfüllen.

Das Gespräch führte Andrea Wohlfart