25. Oktober 2013

Streitbar für Baukultur

Ira Mazzoni bekennt beim baukulturellen Nachmittag zu Ehren von Günther Franz im Zentrum Baukultur ihre Liebe zur gefährdeten Nachkriegsarchitektur des Rathauses und der Ludwigsstraße. Den ECE-Planungen erteilt sie eine Absage.

Die Einladung zum baukulturellen Nachmittag ins Zentrum Baukultur im Brückenturm nutzte die vielfach preisgekrönte Journalistin Ira Mazzoni für eine liebevoll-wehmütige und ebenso streitbare wie engagierte Bilanz zur Lage der zeitgenössischen und der historischen Baukultur in Mainz. Anlass der Veranstaltung, zu der die Architektenkammer Rheinland-Pfalz eingeladen hatte, war der 80ste Geburtstag ihres Ehrenpräsidenten Günther Franz. Seine Freunde und Wegbegleiter, aber auch die in Mainz und Rheinland-Pfalz aktuell politisch Verantwortlichen, darunter Bau- und Finanzminister Dr. Carsten Kühl und Oberbürgermeister Michael Ebling, gratulierten Franz.

Mit Ira Mazzoni hatte sich Günther Franz - durchaus hintersinnig - eine streitbare Verfechterin hoher Qualitätsansprüche an Architektur und Städtebau, Denkmalpflege, Museumspolitik und Kunst als Festrednerin gewünscht. Mazzoni, die in Wiesbaden geboren, Germanistik, Kunstgeschichte, Musik- und Theaterwissenschaften in Mainz und München studierte, nahm die knapp 100 Gäste des Nachmittages mit auf einen kritisch-liebevollen Rundgang durch Mainz. Dem Oberbürgermeister Michael Ebling konnte sie mit Blick auf die ECE-Planungen einen etwas verfrühten Nachruf auf die Ludwigsstraße nicht ersparen. Gleichzeitig gestand sie mit dem Abstand von mehr als drei Jahrzehnten ein, dass sie heute einige der Plätze und Gebäude in Mainz, die sie Ende der 70er Jahre als Studentin für Bausünden hielt, heute als unverzichtbare Denkmale verteidige. Ihr sprachgewaltiger Spaziergang von Rathaus und Rheingoldhalle über den Brand und den Markt zur Ludwigsstraße wurde damit auch zum Plädoyer für den zweiten, den genauen und geduldigen Blick. Dem derzeitigen Stand der ECE-Planungen trat sie entschieden entgegen.

Wie gut das kritische Naturell der Laudatorin zum Jubilar passt, machte Oberbürgermeister Ebling deutlich: „Wir schätzen Günther Franz als einen Mann, der früh den hohen zivilisatorischen Wert von Baukultur erkannt hat. Und der öffentlich den Blick für unsere bauhistorischen Denkmäler, sei es den Dom oder auch das Kurfürstliche Schloss, für dessen Erhalt er sich seit Langem stark macht, schärfte.“

Finanz- und Bauminister Dr. Carsten Kühl rief in Erinnerung, dass die Gründung der Initiative Baukultur und letztlich die Errichtung des Zentrums Baukultur auf Franz‘ hartnäckiges Fordern zurück gehe: „Für das Ziel, die Baukultur in der Landeshauptstadt zu „verorten“, haben Sie lange und ausdauernd bei ihren Vorstandskollegen und bei der Politik immer wieder geworben - und entscheidend dazu beigetragen, dass das Ziel erreicht wurde.“

Kammerpräsident Gerold Reker nahm sich die Zeit, das langjährige ehrenamtliche Wirken von Günther Franz als Ausdruck eines im besten Sinne selbständigen Geistes und dessen tätiger Mitwirkung im gesellschaftlichen Leben zu würdigen. Dazu zitierte er Max Frisch: „Bürgersinn heißt, sich in seine eigenen Angelegenheiten einzumischen“ und machte klar, dass diese Einmischung nicht voraussetzungslos sei, sondern auf geistiger Unabhängigkeit fuße. Er skizzierte diese Selbständigkeit weiter als Skepsis gegenüber leeren Worten, als Unnachgiebigkeit und Leidenschaftlichkeit auf der Suche nach Klarheit und gedanklicher Übersicht. Wer in diesem Sinne selbständig sei, werde auf der Hut sein und zunächst nur dem eigenen Verstand trauen. Der wolle Regie führen - so wie Günther Franz.