31. Mai 2006

"Schule bauen - Bauen schult!" - Vortragsveranstaltung

Viel zu selten gefragt werden die Betroffenen selbst, die Schüler, so Christian Rittelmeyer, bis 2003 Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Göttingen. Er hat sich intensiv mit der Wirkung von Schularchitektur auf Schüler beschäftigt. Sein Fazit: „Durch schlechte Gestaltung steigt nicht nur der Vandalismus, auch die Gesundheit der Schüler verschlechtert sich“. Wie es besser geht, zeigte Ludwig Wappner vom Münchner Architekturbüro Allmann Sattler Wappner anhand zweier Projekte: den Gymnasien in Flöha und Markt Indersdorf.

Vortragsveranstaltung in der Alten Lokhalle in Mainz-Mombach
Mit viel Engagement hat das Land Rheinland-Pfalz in den vergangenen Jahren die Entwicklung dieser Schulen vorangetrieben. Nun soll auch die Baukultur im Schulbau stärker gefördert werden. Die Grundlage dafür bietet eine gemeinsame Initiative des Ministeriums für Bildung, Frauen und Jugend und des Finanzministeriums zum „Dialog Baukultur“. Zusammen mit der Architektenkammer Rheinland-Pfalz und den kommunalen Spitzenverbänden wurde im Frühjahr 2005 ein Programm zur Förderung von Planungswettbewerben für den Ausbau von Ganztagsschulen ausgeschrieben, dass von der Wüstenrot Stiftung wissenschaftlich begleitet wird. Die Auftaktveranstaltung am 9. Dezember in der Alten Lokhalle Mainz stellte die wichtigsten Inhalte und Ziele der Initiative vor. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage: Was kennzeichnet Schularchitektur und wie lässt sie sich verbessern?

Viel zu selten gefragt werden die Betroffenen selbst, die Schüler. Christian Rittelmeyer, bis 2003 Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Göttingen, hat sich in seinen Forschungen intensiv mit der Wirkung von Schularchitektur auf Schüler beschäftigt. Sein Fazit: Durch schlechte Gestaltung steigt nicht nur der Vandalismus, auch die Gesundheit der Schüler verschlechtert sich. „Der Leib funktioniert wie ein Resonanzkörper, die Architektur wirkt sich deshalb auf unser gesamtes Empfinden“, sagte Rittelmeyer. Neonlicht und fensterlose Klassenzimmer ließen den Hormonspiegel absinken, die Krankheitsanfälligkeit nehme zu. „Kinder machen zu wenig motorische Erfahrungen im Alltag; ihr Gleichgewichtsempfinden muss durch die Architektur gestärkt werden“, forderte er.

Anhand von Schulen aus den siebziger und achtziger Jahre analysierte Rittelmeyer häufige Planungsfehler: Angsträume, fehlende Ausblicke, Illusionsmalerei oder aggressive Farben. Besser seien abwechslungsreiche, offene Räume sowie warme, weiche Formen und Farben. Wie intensiv Schüler Architektur wahrnehmen, bewiesen die Zitate, die Rüttelmeyer zum Abschluss seines Vortrags verlas. Der Kommentar eines Schülers zu einem gelb getünchten Betonbau: „Es gibt hier keinen Platz für Gefühle. Ohne Schminke sehe die Schule aus als sei sie längst gestorben.“

Wie es besser geht, zeigte Ludwig Wappner vom Münchner Architekturbüro Allmann Sattler Wappner anhand von zwei Projekten seines Büros: den Gymnasien in Flöha und Markt Indersdorf. Beide Schulen sind einbündig erschlossen, wirken hell und aufgeräumt. In Flöha umschließen die Klassen einen Ring und sind aufgestelzt, so dass sich die Freibereiche auch bei schlechtem Wetter nutzen lassen. Das gleiche Prinzip in Markt Indersdorf, hier mit rechteckigem Karree und integrierter Sporthalle. Von den verglasten Fluren können die Schüler direkt in die Halle blicken. Beliebt ist auch die große Sitztribüne in der Pausenhalle; über raumhohe gläserne Schiebtore lässt sich der Raum ins Freie erweitern. „Schule muss sich öffnen, ein Ort für die Öffentlichkeit sein“, forderte Wappner und kritisierte, dass die strengen Lärmschutz-Vorgaben es häufig nur noch ermöglichten am Ortsrand zu bauen.

„Wenn private Bauherren die Schularchitektur als Vorbild sehen, kann das die Baukultur insgesamt nach vorne bringen“, betonte der rheinland-pfälzische Finanzminister Gernot Mittler in der anschließenden Gesprächsrunde. Wie wahr: Schließlich ist kein Bautyp flächendeckend so präsent wie die Schulen.

„Schule ist ein Stück Stadt und Baukultur“, so Georg Adlbert, Geschäftsführer der Wüstenrot Stiftung. Die moderne Schule sei zugleich Erfahrungs-, Lern- und Lebensort. „Sie sollte alle Sinne ansprechen, nicht nur Kopf und Verstand.“ Auch Architektur könne zum Lernen anregen. Wie in Ludwigsburg, wo die Schüler ihre Solaranlage im Physik-Unterricht verstehen lernten. Ähnliches sei bei Sanierungs- aufgaben denkbar. Die Architekten müssten sich öffnen und die Nutzer stärker ansprechen, forderte Adlbert. „Wir führen häufig fachinterne Diskurse, brauchen aber mehr Diskussion.“ Andererseits seien Schulen keine „privaten Wohnzimmer“, in die man seinen privaten Geschmack übertragen könne.

Ein wirksames Instrument, um Lehrer, Schüler, Eltern und Architekten zusammenzubringen, sind Architekturwettbewerbe. „Auch Vergabekultur ist ein Teil der Baukultur“, betonte deshalb der Präsident der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, Günther Franz. Schließlich seien von einer schlechten Schularchitektur vor allem die Schüler betroffen, sagte Franz. Auch Vandalismus sei eine Folge unterbliebener Unterhaltung. „Wenn eine Klasse `versifft` ist, Regen durch die Fenster hineindringt, dann fragen sich die Schüler: Warum soll ich mich denn anstrengen?“

Entscheidend ist wohl, dass Räume Schüler und Lehrer motivieren können. Und im Idealfall Orte entstehen, an die sich Kinder noch als Erwachsene erinnern können.

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