03. Dezember 2015

Reformation und Architektur

Fazit: Vorstandsmitglied Hermann-Josef Ehrenberg zieht in der Januar-Ausgabe des Deutschen Architektenblattes ein Fazit über die Veranstaltungsreihe "Reformation und Architektur".

Als der jetzige Vorstand im Frühjahr 2012 die Arbeit aufnahm, ist er mit der ausdrücklichen strategischen Zielsetzung angetreten, nicht nur baufachliche oder honorarrechtliche Themen zu bearbeiten, sondern auch und im Besonderen die gesellschaftsspezifischen Hintergründe, die politischen Restriktionen sowie ökologische oder soziale Erfordernisse offensiv zu thematisieren. Nicht das Zuwarten auf das Ereignis, sondern die vorausschauende und aktive Teilhabe am gesellschaftlichen und fachlichen Diskurs sollte noch deutlicher werden lassen, mit welcher Kompetenz Architekten, Innen- und Landschaftsarchitekten sowie Stadtplaner sowohl auf der Baustelle als auch in der gesellschaftspolitischen Debatte richtungweisende Akzente setzen und Konflikt- und Problemberatung leisten können.

Als die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) 2008 die sog. „Lutherdekade“ startete, die sich mit jährlich wechselnden Themen der Reformationstheologie und ihrer Politik-, Kultur- und Sozialgeschichte bis zum Gedenkjahr der Reformation 2017 widmet, beinhaltete diese vielfältige Themen, ein Aspekt blieb aber zunächst unbeachtet: die Architektur. Der Kammervorstand hat das strategische Potential dieser Konzeptlücke erkannt und einen eigenständigen Beitrag - nicht nur inhaltlich, sondern auch finanziell - entwickelt.

Reformation und Architektur gehen vordergründig gar nicht zusammen, das war die erste Reaktion bei vielen Kolleginnen und Kollegen. Was haben „wir“ mit Religion zu tun, das ist Privatsache. Nun denn, eine kleine Arbeitsgruppe hatte schließlich doch das Placet des Vorstandes und der Vertreterversammlung, sich für das Projekt zu engagieren und ein Programm aufzustellen. Schließlich konnten wir einen ersten Teilerfolg mit der Förderzusage der Bundesregierung feiern.

Nachdem nun alle vier Veranstaltungen stattgefunden haben, ist zu fragen: War „Reformation und Architektur“ erfolgreich? Ist der ehrgeizige Ansatz einer disziplinübergreifenden Diskussion, einer strategischen Zusammenführung unterschiedlicher Fachleute zu ein und demselben Thema geglückt? Ich erinnere an die Motivation und Zielsetzung des Vorstandes - mitten in der Gesellschaft zu stehen, thematische Chancen in der politischen Debatte zu identifizieren und zu einem strategischen Vehikel berufspolitischer Zielsetzungen auszubauen.

Nach unserer ersten Veranstaltung mit dem anspruchsvollen Thema „Wort und Raum“ hatte ich zunächst Zweifel. Ja, es war schwierig, viele theologische und psychologische Fremdwörter beherrschten die Vorträge. Nach der Auftaktveranstaltung schallte uns eine unverständliche, vielleicht sogar zornige Sprachlosigkeit laut entgegen.

Insofern war es nicht verwunderlich, dass die Resonanz der zweiten Veranstaltung zum Thema „Diakonie“ - trotz des historisch-authentischen Ambientes in Bad Kreuznach - verhalten war. Die Beispiele zur Architekturgeschichte und Moderne des diakonischen Bauens waren eindrucksvoll; es fehlte der interdisziplinäre Widerpart - besser der kongeniale Partner, der die berufsständische Philosophie seines eigenen diakonischen, oder auch medizinischen Tuns in den Kontext von Reformation und bauliche Herausforderung stellte.

Die Veranstaltung zur „Bildung“ an der historischen Universitätsstätte Casimirianum in Neustadt war nach meiner Wahrnehmung ein erster richtiger Erfolg. Der furiose Vortrag der Soziologin, Prof. Jutta Allmendinger aus Berlin, dazu die ästhetischen Zeugnisse einer Architektur der Bildung vom Kollegen Jörg Aldinger aus Stuttgart, da begegneten sich die Disziplinen. Ergänzt um die weiteren Vortragenden aus der Stadtplanung, der theoretischen Religionspädagogik und des praktischen Lehrerberufes wurde die abschließende Diskussionsrunde das, was wir uns als interdisziplinäre Begegnung vorgestellt hatten.

Wie ich anschließend hörte, hat das auch die letzten Zweifler unseres Projektes überzeugt. Und ich denke, allein die große Resonanz und die Teilnehmerzahl der vierten Veranstaltung zum „Öffentlichen Raum“ beweist, dass das Projekt in der gesellschaftlichen Wahrnehmung über die eigene Disziplingrenze hinaus angekommen ist. Der Berufsstand hat bewiesen, dass er sich einer gesellschaftlichen Fragestellung über den eigenen Horizont hinaus stellen und eine interdisziplinäre Sprache erlernen kann.

Seit einigen Monaten steht auch die Architektenschaft mitten in einer neuen Herausforderung, einer Diskussion um Leben, Wohnen und Arbeiten, nicht zuletzt um kulturelle und religiöse Befindlichkeiten, wie sie uns mit der epochalen Flüchtlingswanderung begegnet. Auch bei dieser gesellschaftlichen Aufgabe dürfen und können wir nicht zuwarten, sondern müssen proaktiv und konzeptionell unsere Kompetenz in die politische und gesellschaftliche Diskussion einbringen. Es genügt nicht, auf die Bauaufträge zu warten, sondern auch hier geht es nur im interdisziplinären Kontext. Es geht um kompetente Politikberatung, Familienpolitik und Wohnungsbau, Gesundheitspolitik und medizinische Versorgung, Bildungspolitik und Räume des Lernens. Nicht zuletzt geht es auch um Kulturpolitik, im Speziellen um die Religion und die Architektur der Religionen.