19. Februar 2018

Planen und Bauen mit dem digitalen Zwilling

Gesprächsrunde: (v.l.n.r.) Dr. E.Wiezorek, M.Müller, Dr. A.Rieck, G.Reker
Gesprächsrunde mit Dr. E.Wiezorek, M. Müller, Dr. A. Rieck, G.Reker
Foto: Kristina Schäfer, Mainz

Am 1. Februar 2018 fand im bis auf den letzten Platz besetzten ZDF-Konferenzzentrum in Mainz das dritte BIM-Symposium statt.

BIM bewegte im wörtlichen Sinn Architekten, Ingenieure, institutionelle Bauherren und die ausführenden Betriebe gleichermaßen. Das stellten mehr als 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des dritten BIM-Symposiums am 1. Februar 2018 im bis auf den letzten Platz besetzten ZDF-Konferenzzentrum in Mainz unter Beweis.

Welche Dynamik und Relevanz für alle am Bau Beteiligten das Thema gerade erfährt, machte Staatssekretär Dr. Stefan Weinberg in seinem Grußwort deutlich.

Zur Erforschung der Implementierung des BIM-Bau Prozesses in öffentlichen Bauverwaltungen erhielt die TU Kaiserslautern im Oktober 2017 eine Zuwendung durch den Landesbetrieb Liegenschafts- und Baubetreuung - LBB -, so Dr. Weinberg und er ergänzte:„Darüber hinaus führt das Finanzministerium Rheinland-Pfalz derzeit mit dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMUB) Gespräche zum Aufbau eines bundesweit zuständigen BIM-Kompetenzzentrums des Bundes beim Amt für Bundesbau in Rheinland-Pfalz“. Der Staatssekretär stellte auch klar, dass BIM an Architekten wie Ingenieure und letztlich auch an die übrigen Prozessbeteiligten in Zukunft deutlich höhere Ansprüche als die derzeitige Planungsmethodik stellen wird. Gestalterische wie konstruktive Kompetenzen, Know-How beim Zuschnitt von Prozessen, kommunikative Fähigkeiten und die souveräne Kenntnis der aktuellen Software sind nicht voneinander zu trennen.

Zuversichtlich zeigte er sich, dass die Implementierung der Kenntnisse des BIM-Planungs- und Bauprozesses in die Lehrpläne für das Aus- und Fortbildungsangebot an den Hochschulen über die Zusammenarbeit und den Austausch der Praxis mit der Ausbildung im BIM-Cluster Rheinland-Pfalz gesichert sei:

Die Komplexität des Bauens mit Hilfe der Digitalisierung zu gestalten und offen, gemeinsam mit den rasanten Veränderungen unserer Welt in allen Bereichen umzugehen – dies muss unsere Handlungsmaxime sein!
Dr. Stefan Weinberg

Kammerpräsident Gerold Reker hatte zuvor in seiner Begrüßung darauf hingewiesen, dass an der tiefgreifenden Digitalisierung des Planungs- und Bauprozesses über BIM kein Weg vorbei führe. Nicht nur die oft zitierten Großprojekte, bei denen es in den vergangenen Jahren zu großen Termin- und Kostenproblemen gekommen ist, hätten – so Reker – die Einführung des BIM-Standards als Instrument zur frühzeitigen Lösung von Kommunikations- und Abstimmungsproblemen vorangetrieben. Auch die mit BIM mögliche Überführung des Wissens aus der Bauphase in den Gebäudebetrieb sei ein Treiber der Entwicklung:

Wichtig zu verstehen ist: BIM ist mehr als eine 3D-Software. BIM ist ein Führungsinstrument und eine Zusammenarbeitsmethode mit Mehrwert in den Bereichen Architektur, Baukonstruktion, Gebäudetechnik, Facility-Management und Betriebsplanung. BIM ist ein Kind der Digitalisierung. Wer glaubt, dass diese Entwicklung aufzuhalten ist, muss das Wirtschaftssystem ändern, das sich auf den Wettbewerb gründet. – Viel Glück!
Gerold Reker, Präsident der Architektenkammer Rheinland-Pfalz

Bei aller Euphorie auf der einen und Skepsis auf der anderen Seite zeigte Reker sich zuversichtlich, dass die Architektur- und die Ingenieurbüros in Rheinland-Pfalz den Wandel zu BIM meistern werden. Jedoch gehe es nicht um ein bisschen Hard- und Software und ein paar Schulungseinheiten. Es gelte, das Planen und Bauen unter digitalen Vorzeichen schlicht neu zu erfinden: „Wir werden einiges neu definieren oder anpassen müssen:

  • Planungsprozesse
  • Fachliche Voraussetzungen
  • Zusammenarbeit in der Wertschöpfungskette „Bau“
  • Normung
  • Voraussetzungen für die Softwareeinführung
  • Kosten
  • Honorierung und Vertragsgestaltung
  • Haftung und Versicherung
  • Urheberrecht / Sicherung geistigen Eigentums
  • Vergaberecht / produktneutrale Ausschreibung
  • Schnittstellen / IFC
  • Fehlerbehebung
  • Datensicherheit / Clouds / Server / Datenimplosion

Wir werden akzeptieren müssen, dass dies nur in einem begleitenden Prozess geschehen kann – und nicht erst – mit deutscher Gründlichkeit – nach dem letzten Erkenntnisgewinn.“

BIM als Smartphone des Bauens

Dr. Alexander Rieck lenkte im Anschluss in einem fulminanten Vortrag die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Wahrnehmung der Chancen aus der digitalen Revolution. Dazu rief er die Bilder der Science Fiction-Literatur aus dem 20. Jahrhundert ins Gedächtnis: Viele Lichtjahre von der Erde entfernt drang der Mensch „…in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat“, um dort nachmittags eine Tasse Tee wie in der Wohnstube der 1960er Jahre genießen zu können. Es wurde suggeriert, der Fortschritt verursache einen extremen technischen Aufwand, lasse das tägliche Leben aber weitgehend unberührt. Das Smartphone, so Dr. Rieck, habe uns allen eines Besseren belehrt: Relativ überschaubare Investitionen in ein handliches Werkzeug ändern das tägliche Leben für jeden von uns binnen weniger Jahre radikal. Neue Geschäftsmodelle sind zusätzlich entstanden oder haben alte völlig abgelöst. Eine solche Wirkungsmacht bescheinigte Rieck auch BIM im Planungs- und Baubereich:

Die Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft in einem zunehmenden Maß. Die verschiedensten Branchen unserer Arbeitswelt unterliegen derzeit einem tiefgreifenden Wandel, dessen Ende noch nicht absehbar ist. Durch automatisierte Fertigungsprozesse wird die Produktion schneller, billiger und besser. Neue Systeme werden sich durchsetzen, neue Mega-Konzerne entstehen. Scheinbar unberührt von diesen Entwicklungen zeigt sich dabei die Baubranche. Die Verharrungskräfte von tradierten Prozessen erwecken den Eindruck, dass sich nie etwas ändern wird. Auch in der Baubranche wird die Digitalisierung alles verändern, angefangen vom Planen und Bauen bis in die Nutzung der Gebäude hinein.
Dr. Alexander Rieck

BIM-Standard Deutscher Architektenkammern

Welche konkreten Schritte auf Bundesebene zur Einführung der BIM-Methodik bei öffentlichen Bauvorhaben gegangen werden, stellte der Vizepräsident der Bundesarchitektenkammer, Martin Müller, dar. Bis zum Jahr 2020 soll BIM bei allen neu zu planenden Infrastrukturprojekten für den Bund eingeführt werden. Schon heute soll bei jedem vom Bund gebauten Projekt mit über fünf Millionen Euro Bauvolumen, also auch im Hochbau, geprüft werden, ob es mit dem BIM realisiert werden kann. Daher engagiert sich auch die Bundesarchitektenkammer beim Thema BIM. Gemeinsam mit Bauindustrie-, Maschinenbau-, Architekten- und Ingenieurverbänden haben das Bundesverkehrs- und das Bundesbauministerium einen Branchendialog initiiert, dessen Ziel die Erstellung eines Leitbildes „Digitaler Hochbau“ ist. Dieses Leitbild will die gesamte Wertschöpfungskette Bau berücksichtigen. Ein wichtiger Baustein für die Umsetzung der Digitalisierungsstrategie ist die Einbindung des BIM-Standards in die Normenwerke der ISO, CEN, DIN und des VDI.

Ganz entscheidend, so Müller, sei nun, die Architektenschaft in der Breite schnell mit Know-How zu versorgen. Angesichts einer unübersichtlichen Palette von Fortbildungsangeboten auf dem Markt hat die Bundesarchitektenkammer zur Sicherstellung einer einheitlichen Fortbildungsqualität daher den „BIM-Standard Deutscher Architektenkammern“ entwickelt. Seit Mitte 2017 haben alle 16 Länderkammern und die BAK diesen einheitlichen Standard fixiert. Die beiden bei Broschüren „BIM 100 Fragen – 100 Antworten“ und „BIM für Architekten – Leistungsbild, Vertrag, Vergütung“ bündeln darüber hinaus Basisinformationen.

Um im Ausschreibungs- und Vergabeprozess hersteller- und produktneutral arbeiten zu können, plant das BKI, das Baukosteninformationszentrum Deutscher Architektenkammern, die Einrichtung einer neutralen Bauteildatenbank im Sinne der BIM-Methodik.

Nach Diskussionsrunde und Mittagspause folgten im Tagungsprogramm zwei unterschiedliche Vortragsblöcke. In Block 1 nahm Architekt Uwe Gebhardt von der Hochschule Anhalt die Herausforderung an, mit „100 Fragen, 100 Antworten“ einen schnellen Einstieg in das komplexe Thema BIM zu wagen und einen Überblick darüber zu geben, was sich durch BIM wirklich im Planungsprozess ändert.

Im Block 2 skizzierte Andras Pilot, Architekt und BIM-Manager bei Angela Fritsch Architekten GmbH aus Seeheim-Jugenheim die Hürden und Chancen der BIM-Kollaboration im Planungsteam. Mirjam Borowietz, Dipl. Ing., Vorstand der ZWP Ingenieur-AG Berlin, erläuterte den Datenaustausch über das IFC-Format in der Praxis:

Wenn es um BIM geht, wird die Lernkurve in der Praxis oft unterschätzt – bedingt nicht nur durch neue Software sondern auch durch eine komplett neue Denkweise und noch verhältnismäßig wenig Referenzprojekte und erfahrene Anwender.
Dipl. Ing. Mirjam Borowietz, Vorstand der ZWP Ingenieur-AG Berlin

BIM im Lebenszyklus

Zum erfolgreichen Einsatz der Methode BIM über den gesamten Lebenszyklus und damit der Informationsaustausch möglichst verlustfrei erfolgen kann, sind Standardisierungen nötig. Dr. Anica Meins-Becker vom BIM Institut der Bergischen Universität Wuppertal erläuterte den Status quo als Grundlage der Forschungsaktivitäten am Institut. Im Rahmen des Forschungsprojektes wurde eine idealtypische Soll-Prozesskette unter Einsatz der BIM-Methode entlang des Lebenszyklusses eines Bauwerkes entwickelt. Der standardisierte Lebenszyklus-Prozess sollte konkret aufzeigen, welche Schritte zur Umsetzung von BIM-Projekten aus Sicht der Bauherrschaft notwendig sind. Auf Grundlage dessen konnten Informations- und Kommunikationsschnittstellen identifiziert, Analysen sich verändernder Leistungsanforderungen der Beteiligten und offene Fragen wie z.B. rechtliche Fragestellungen weitergehend durchgeführt bzw. bearbeitet werden.

BIM Treff am 8. März

Ergänzend zu den methodischen und prozessualen Informationen im Fortbildungsangebot der Architektenkammer bietet der BIM Treff einen offenen Erfahrungsaustausch für Anwender an. Ziel hierbei ist es, dass interessierte Kammermitglieder sich vor allem über praxisorientierte Anwenderthemen wie Chancen, Probleme, Hilfen, Marktsituation etc. austauschen können. Auf diese Weise können auch Mitglieder, die bisher noch wenig Erfahrung mit BIM haben, von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen profitieren und erfahren, wie das Arbeiten mit BIM im eigenen Büro sinnvoll angegangen werden kann. Der nächste Treff findet am 8. März statt. MEHR