09. Juni 2015

Nachkriegsmoderne - ungeliebt und unterschätzt?

Foto: Alle Referenten der Veranstaltung in der Gesprächsrunde moderiert von Dr. Karin Berkemann.
Alle Referenten der Veranstaltung in der Gesprächsrunde.
Foto: Kai Mehn, Neustadt

Die Hambacher Architekturgespräche widmen sich dem baulichen Erbe der Aufbaujahre.

10/2015
9. Juni 2015

Neustadt. Sie werden abgerissen, energetisch saniert und umgebaut: Die Bauten der 1950er bis 70er Jahre. Diese Nachkriegsmoderne wurde oft geschmäht, ist noch heute alles andere als beliebt - doch zeitgleich zum drohenden Verlust durch Abbruch oder Umbau wandelt sich unversehens das Urteil über die Gebäude einer Epoche, die viele unserer Städte prägt. Die zweiten Hambacher Architekturgespräche stellten heute auf dem Hambacher Schloss die Frage nach dem angemessenen Umgang mit den baulichen Zeugnissen der jüngsten Vergangenheit. Gekommen waren rund 150 Gäste, darunter zahlreiche Experten aus Architektur und Denkmalpflege, aber auch an der Baukultur ihrer Städte interessierte Menschen sowie in Politik und Verwaltung für Fragen der Denkmalpflege und Stadtentwicklung Verantwortliche.


"Das ist die Architektur meiner Jugend. Ich erinnere mich an lichte Schulen, an mutige Rathäuser ohne Imponiergehabe, an schwungvolle Treppenhäuser. Eine Architektur mit menschlichem Maß. Sie darf nicht einer gerade gängigen Architektur-Mode anheimfallen“, so das Statement von Walter Schumacher. Der Kulturstaatssekretär zu dessen Aufgaben auch der Vorstandsvorsitz in der Stiftung Hambacher Schloss gehört, brach in seiner Begrüßung eine Lanze für die Relikte der Aufbruchjahre.

 

 

…oder kann das weg?
„Die Kritik an der Moderne und Nachkriegsmoderne ist so alt wie die Moderne selbst“, so Dr. Olaf Gisbertz. In seinem provokant überschriebenen Impulsvortrag ‚…oder kann das weg?‘ machte er klar, dass sich diese Frage leider fast von selbst beantwortet, denn „in vielen Städten - in Ost und West - wurde in den vergangenen 15 Jahren manches Highlight der Architektur aus den Nachkriegsjahrzehnten und der Boomära der Sechziger- und Siebzigerjahre durch eine Sanierung zwar technisch auf- , aber gestalterisch ‚entwertet‘. Davon nicht verschont blieben auch in Denkmallisten eingetragene Baudenkmäler“. Strategien zur Erhaltung der Nachkriegsmoderne sind das Forschungsgebiet von Olaf Gisbertz an der Technischen Universität Braunschweig.

Zu viel und zu teuer?
Je größer die gesuchte Antwort, desto präziser müssen die Fragen gestellt werden, betont die Moderatorin der Gesprächsrunde, die Theologin und Kunsthistorikerin Dr. Karin Berkemann aus Frankfurt: "Es gibt (noch) viele Nachkriegsbauten - aber ist ’viel’ schon ’zu viel’ und damit auch ’viel zu teuer’?" Allzu rasch werden Probleme der Immobilienbewirtschaftung privater wie öffentlicher Träger an Architektur und Denkmalpflege durchgereicht. Hat man über Jahrzehnte nicht in einen Bau investiert, erklärt man seine unabwendbar gewordene Sanierung kurzerhand für unzumutbar - und stellt gleich den ästhetischen und kulturhistorischen Wert grundsätzlich in Frage. Stattdessen müssen Denkmalpfleger und Architekten gemeinsam herausarbeiten, warum sich der Erhalt eines nachkriegsmodernen Baukunstwerks für alle lohnt, nicht nur wirtschaftlich. Sonst kann es gehen wie in Ludwigshafen, als sich ein Weltkonzern wie BASF nicht mehr in der Lage sah, die Sanierung seines zeichenhaften Hochhauses zu finanzieren.

Wohnungen im Büroriegel
Ganz anders erging es den Reemtsma-Verwaltungsgebäuden in Hamburg. Die zwischen 1952 und 54 entstandenen Ikonen der 50er Jahre des Architekten Godber Nissen wurden 2008 von Helmut Riemann Architekten aus Lübeck gemeinsam mit den Landschaftsarchitekten WES & Partner Schatz, Betz, Kaschke, Wehberg, Krafft Landschaftsarchitekten aus Hamburg nicht nur sensibel saniert, sondern auch in eine ganz neuen Nutzung überführt: die Büroriegel wurden zu Wohnungen umgenutzt. Während in ein Gebäude Maisonettes eingebaut wurden, die wie Reihenhäuser funktionieren, konnten in den anderen Häusern durch Einfügen neuer Treppenhäuser großzügige Geschosswohnungen realisiert werden. Helmut Riemann stellte seine Sanierung vor. Trotz der Verwandlung vom Büro zum Wohnen muss man ganz genau hinsehen, wenn man zwischen den historischen und den aktuellen Fotos der Anlage nach den Unterschieden sucht, denn beim Umbau wurde ein Höchstmaß an originaler Substanz und der ihr eigenen architektonischen Aussage erhalten.

Den Städtebau nicht vergessen
„Einzelne Leuchtturmprojekte sind wichtig, an ihnen lässt sich so manche Diskussion exemplarisch führen“, so Gerold Reker. Der Präsident der Architektenkammer Rheinland-Pfalz wollte aber nicht bei den Einzelgebäuden stehen bleiben. „Wichtig muss uns auch die Stadt sein. Wenn wir an die Nachkriegsarchitektur denken, haben wir alle auch die Siedlungsbauten vor Augen. Obwohl die einzelnen Gebäude - vom Geschosswohnungsbau über Reihen- zu Einfamilienhäusern - meist unspektakulär, ja bescheiden daher kommen, fügen sie sich als Straßenzüge zu wunderbar harmonischen Quartieren zusammen.“ Reker rief dazu auf, auch diese städtebaulichen Qualitäten im Auge zu behalten, wenn man über Nachkriegsmoderne diskutiert. Diese Häuser werden gerade verkauft oder vererbt, Gefahr droht von unbedachten energetischen Sanierungen oder unpassenden Um- und Ausbauten.

Nicht nur eine Aufgabe der Denkmalpflege
„Die Erfassung und Bewertung der architektonischen Leistungen der 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts, und schon länger die der 50er Jahre, sowie die Überprüfung ihrer Schutzwürdigkeit ist als Aufgabe bei der staatlichen Denkmalpflege angekommen und wird von dieser, soweit es ihre Möglichkeiten zulassen, auch bereits wahrgenommen“, so Thomas Metz. „Aktuelle Diskussionen zeigen jedoch“, so der Generaldirektor Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, „dass neben der Definition von allgemeinverständlichen Bewertungskriterien für die architektonischen Leistungen der Zeit auch ein Bewusstsein für dieses baukulturelle Erbe in der Bevölkerung zu schaffen ist. Hier ist nicht nur die Denkmalpflege gefordert.“ Er fügt hinzu, dass auch mit den anderen, nicht als Denkmal anerkannten baulichen Anlagen im Hinblick auf die damit vorhandenen Ressourcen verantwortungsvoll umgegangen werden sollte und hier die Allgemeinheit gefordert ist.

Stadt bewahren und weiterbauen
„Allein zahlenmäßig“, so Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, „macht die Nachkriegsmoderne über ein Drittel unseres Gebäudebestandes aus. Hinzu kommen die Ingenieurbauwerke der Wiederaufbauzeit. Sie ist damit Teil unserer Identität, in ihr sind nicht nur die „graue Energie“ sondern auch mentale Werte gebunden. Die Frage des wertschätzenden Umgangs mit dem Bestand, dessen Pflege aber auch die Weiterentwicklung von Stadt durch Umbau, gehören aktuell zu den größten baukulturellen Herausforderungen. Jede Sanierung, jeder Umbau oder ergänzende Neubau muss eine Verbesserung erzeugen, für sich und sein das Umfeld.“

Wir stellen Ihnen gerne Abbildungsmaterial zur Verfügung.

Weitere Informationen:
Architektenkammer Rheinland-Pfalz, Annette Müller
Postfach 1150, 55001 Mainz
Telefon 06131/99 60 22
Telefax 06131/99 60 62
E-Mail: mueller@akrp.de
Internet: www.diearchitekten.org