11. September 2012

Mehr Sonne! - 4. Tagung Zukunft SolarArchitektur

Energieeffizientes Bauen und energetische Gebäudesanierungen sind Schlüsselbereiche bei der Energiewende. Die baulichen Änderungen dürfen jedoch nicht zum Verlust unserer Baukultur führen, so das Fazit der 4. Tagung Zukunft SolarArchitektur am 6. September im ZDF-Sportstudio in Mainz, zu der die Architektenkammer Rheinland-Pfalz in Kooperation mit dem Ministerium für Wirtschaft, Klimaschutz, Energie und Landesplanung eingeladen hatte.

 

 

Gleich zu Beginn der Tagung machte die rheinland-pfälzische Ministerin für Wirtschaft und Klimaschutz, Eveline Lemke, deutlich, dass die Fakten zwar eindeutig für die Energiewende sprechen, man Menschen aber nur dafür begeistern könne, wenn beispielsweise „Solaranlagen optisch ansprechend in die Gestaltung unserer Häuser und Städte integriert werden“. Körpergefühl, Kultur und Ästhetik müssten berücksichtigt werden.

Dass Architekten für diese kreative Herausforderung gerüstet sind bestätigte Gerold Reker, Präsident der rheinland-pfälzischen Architektenkammer. Er mahnte aber an, die Energiewende mit Augenmaß zu gestalten. Der finanzielle Aufwand für Immobilienbesitzer und Bauherren, für Mieter und Vermieter müsse in einem sinnvollen Verhältnis stehen, sonst komme der Vorgang einer schleichenden Enteignung gleich. 

Professorin Dr. Claudia Kemfert lehrt Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance Berlin. Sie räumte zu Beginn der Tagung mit Mythen rund um die Energiewende auf. Ein Blackout durch die Abschaltung der Atomkraftwerke drohe nicht, auch führe der Ausstieg nicht zu Strompreisexplosionen. Ihr Fazit, die Energiewende ist machbar und kann sogar zu einem Konjunkturmotor werden.

Anschließend stellte Architekt Professor Manfred Hegger von der TU Darmstadt und Präsident der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen gebaute Beispiele vor - von der Sanierung und Erweiterung eines Einfamilienhauses bis zu Mehrfamilienhäusern und Gewerbebauten. Eindrucksvoll belegte er, dass sich die Anforderungen an energieeffiziente bis PlusEnergie-Gebäude, mit guter Gestaltung verbinden lassen. Er mahnte aber auch eine verstärkte Quartiersbetrachtung an. Denkmalgeschützte Gebäude müssten nicht von außen gedämmt werden, Neubauten in der Nachbarschaft könnten viel effektiver Energie einsparen oder produzieren. Auch könnten Neubaugebiete heute schon autark geplant werden. Ganzheitliches innovatives Denken und Gestalten sei notwendig. Zudem plädierte Hegger für eine Bewusstseinsänderung in der Gesellschaft. Beim Bauen sei das Prinzip der Wirtschaftlichkeit allesbestimmend, beim Urlaub und dem Auto gälten auch andere Kriterien. Auch nehme der Wunsch zu, immer mehr Fläche für einen immer günstigeren Preis zu erhalten. Interessant sei doch die Raumqualität, so Hegger.

Für ein ganzheitliches Denken und interdisziplinäre Zusammenarbeit appellierte auch Dr. Heide Schuster, WSGreen Technologies Stuttgart. Sie stellte das von der Bundesregierung geförderte Modellprojekt F87, ein Plusenergie Wohnhaus, das zudem den Strom für ein Elegtrofahrzeug bietet, vor. Neben dem energieeffizienten Betrieb ist es zu 100 Prozent recyclebar.

Neuartige und in der Entwicklung befindliche Produkte zur Energiegewinnung am Gebäude zeigte Dr. Martin Rüttgers, Vizepräsident Architecture + Design, Schott AG. Von Gläsern, die durch elektrische Spannung oder Sonneneinstrahlung ihre Farbe oder Transparenz verändern, über Lichtlenkelemente bis zu kristallinen Gläsern, die die Energieeinstrahlung speichern. Nachdem Leuchtturmprojekte gezeigt hätten, was machbar ist, müsste das vorhandene Wissen und die vorhandene Technik nun auch in der Masse Anwendung finden.

Professor Brian Cody, Leiter des Instituts für Gebäude und Energie TU Graz, führte den Blick weiter in die Zukunft. Er zeigte auf, wie die neuen Anforderungen an die Energieeffizienz zu neuen Gebäudeformen und sogar Gesellschaftsstrukturen führen werde. Er forderte auf, den Begriff Nachhaltigkeit im Bauwesen zu überdenken: Lebenszykluskosten und die Herstellungsenergie müssten berücksichtigt werden, aber auch die Ästhetik. Ein Mangel an Gestaltung ließe sich nicht mit Nachhaltigkeit vereinbaren. Alle energetischen Überlegungen müssten zudem von Anfang an in die Entwurfsüberlegungen mit einbezogen und jedes Projekt mit seinen besonderen Anforderungen gesondert betrachtet werden. Nachdem wir jahrzehntelang mit großem Energieaufwand versucht hätten, die Naturkräfte wie Sonne und Wind auszuschließen, müsste das Ziel sein, wie in asiatischen Kampfsportarten, die Kraft des „Gegners“ umzuwandeln und für sich zu nutzen. Bei allen Neubauten und Sanierungen sollte bedacht werden, dass diese eine Nutzungsdauer von Jahrzenten hätten und damit Teil einer zukünftigen Stadt werden.

Eine konkrete Planung stellte Architekt Bernd Liebel aus Aalen vor. Mit der Sanierung der VR Bank in Markgröningen wird der Betrieb des Gebäudes CO2-neutral sein, die natürliche Lüftung per Kamineffekt geregelt. Liebel hinterfragte auch die Arbeitsplatzvorschriften. Man benötige keine konstant gleiche Temperatur um sich wohl zu fühlen, so Liebel. Im Winter trage man einen Pullover, im Sommer ein Hemd. Zudem seien höhere Raumtemperaturen akzeptabel, wenn beispielsweise die Wärmestrahlung niedriger sei.

Als letzter Referent ging Marc-Steffen Fahrion, TU Dresden, noch einmal auf die Klimarandbedingungen für die Zukunft ein und stellte Ergebnisse thermischer Gebäudesimulationen und Möglichkeiten darauf zu reagieren vor.

Dr. Elena Wiezorek, Hauptgeschäftsführerin der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, wies am Ende der Tagung darauf hin, dass die Energiewende nur mit der Sanierung des Bestandes zu erzielen sei. Wenn die Lebenszykluskosten und die Herstellungsenergie für das Gebäude wie für die Materialien mit einbezogen würden, zeige sich, dass auch die Sanierung vieler Altbauten sinnvoll sei. Die Tagung hätte zudem deutlich gemacht, dass es bereits viele innovative Projekte, Lösungen und Ansätze gebe, so Dr. Wiezorek, dass die Energiewende aber nur von Architekten, Ingenieuren, Bauherren, Politik und der gesamten Gesellschaft gemeinsam gemeistert werden könne.