14. Januar 2016

Mehr Öffentlichkeit

Vorstandsmitglied Jürgen Hill schreibt in der Februar-Ausgabe des Deutschen Architektenblattes über das Wohnzimmer des Städtischen - der öffentliche Raum.

„Wir hatten die Vorstellung, dass der Stadtraum ein Zuhause ist“  *)

Unvermutet wird er angesichts von Ereignissen, die sich in deutschen Städten in der Silvesternacht zugetragen haben, auch außerhalb der Fachwelt zum Thema: Der öffentliche Raum. Plötzlich stellt sich ganz neu die Frage, wer in welcher Form definiert, was hier geschehen darf und was nicht, zu welchen Tageszeiten er von welchen Bevölkerungsgruppen tunlichst zu nutzen ist oder eben nicht. Wer hier Hausrecht zu beanspruchen hat und wie das durchzusetzen ist. Und warum die scheinbaren Selbstverständlichkeiten wieder und wieder neu gesellschaftlich zu verhandeln sind. Wie so oft, gibt die Krise Anlass zur Selbstreflexion.

Eine Arbeitsgruppe des Vorstandes, der sich in der ausgehenden Wahlperiode mit mehreren Schwerpunktthemen intensiv beschäftigt hat, hat auch den öffentlichen Raum schon vor einiger Zeit in den Blick genommen. Vielleicht ein bisschen vor der Zeit gestartet, war die interdisziplinär mit Landschaftsarchitekten, Stadtplanern und einem Innenarchitekten / Architekten besetzte Gruppe dann hinter vordringlicheren Fragestellungen nolens volens zurückgeblieben. Nun ist klar, das Thema ist ein planerisches und ein hoch aktuelles. Es verdient, neu angefasst zu werden und wird uns in der gesellschaftlichen Diskussion vorerst wohl erhalten bleiben.

Wir konzentrierten unsere Diskussion noch auf Privatisierung und Gentrifizierung. Nun wird diese Sicht der Dinge ergänzt durch die Frage, was überhaupt die Funktion einer „guten Stube" in der Stadt zu sein hat. Wie der öffentliche Raum zu gestalten wäre, um ihn zeitgenössischen Anforderungen einer sich wandelnden Gesellschaft gerecht werden zu lassen, ist noch nicht beantwortet. Ja die Frage stellt sich plötzlich viel grundsätzlicher als eben noch vermutet. An uns Planern aller Fachrichtungen richtet sich weiterhin die Aufgabe ästhetischer und funktionaler Ordnung. Doch liegt es an uns, von der Gesellschaft neue Antworten darauf abzufordern, was genau der Zweck dieses Raumes ist, den wir gemeinsam zu gestalten, zu möblieren, zu ordnen haben. Erst, wenn diese Fragen geklärt sind, können wir im alten Spannungsfeld des Öffentlichen zwischen Handelsplatz und Heerlager, Repräsentanz religiöser oder weltlicher Macht, Schauplatz politischer Statements oder persönlicher Eitelkeiten eine neue, unserer Zeit angemessene Zeitschicht hinzufügen.

Wir sollten die Chance ergreifen, nicht alleine Verkehrsplanern, Sicherheitsexperten oder Kaufleuten die Definition dessen zu überlassen, was die Funktion der Orte im Stadtraum sein soll, die das Wesen der europäischen Stadt als eines demokratisch verfassten Gemeinwesens aktuell zu sein hat. Denn weder das private, kommerzielle Interesse Einzelner, noch die Dominanz von Verkehrsströmen oder bestimmter sozialer Gruppen darf - so war das Zwischenergebnis unserer Arbeitsgruppe - gefährden, was seit der Aufklärung allmählich für uns als Selbstverständlichkeit und kulturelle Errungenschaft gewachsen ist: Öffentlicher Raum in Stadt und Dorf ist allen Bewohnern und Besuchern frei und sicher zugänglich. Er ist Bühne von Alltagsleben und historischen Ereignissen, Festtagen und politischen Manifestationen. Er ist Freiraum im physischen wie im sozialen Sinn.

Die Frage wie ein solcher Raum heute zu gestalten ist, damit eine Gesellschaft im demografischen Wandel, die sich in vielfältigen Transformationsprozessen gerade rasant wandelt, ihren Interaktionsraum findet, beantwortet sich plötzlich nicht mehr nur über Lampen, Bänke, Raumkanten und Grünflächen. Unsere Diskussionen werden unübersichtlicher, aber sie werden spannend. Viele von uns haben sich in den vergangenen Jahren gewünscht, die Beiträge von Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner würden gesellschaftlich relevanter. Im öffentlichen Raum sind sie es und unsere Gesellschaft beginnt gerade, das auch so zu sehen. Nehmen wir diese Herausforderung an! 

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*) So die Architektin Marie-José Van Hee aus Gent zu ihrem Entwurf für eine offene Stadthalle für Gent (zitiert nach Bauwelt 22/2013)