22. Februar 2016

Mehr Möglichkeit(en)

Porträt Gerold Reker
Gerold Reker
Foto: Heike Rost, Mainz

Kammerpräsident Gerold Reker fordert in der Märzausgabe des Deutschen Architektenblattes die Politik auf, Möglichkeiten auszuloten und Unmöglichkeiten möglich zu machen.

Am 13. März wird in Rheinland-Pfalz gewählt. Die Architekten- und die Ingenieurkammer Rheinland-Pfalz haben den rheinland-pfälzischen Parteien Wahlprüfsteine zu den folgenden Themen vorgelegt und um Antworten gebeten:

  • Schnell bezahlbaren Wohnraum schaffen
  •  Infrastrukturen ertüchtigen
  •  Mittelständische Strukturen bei der Ver­gabe öffentlicher Aufträge beachten
  • Planungswettbewerbe durchführen
  • Ausbildungsqualität sichern - Verbrau­cherschutz stärken
  • Energiepolitik: Steuerungsansätze aus­differenzieren
  • Gebäude und öffentliche Räume dem demografischen Wandel anpassen
  • Dialog Baukultur ausbauen
  • Ortskerne lebendig gestalten
  • Zuständigkeiten bündeln
  • Landesbauordnung im Auge behalten

Die Parteien haben geantwortet. Die Re­gierungsparteien etwas blumiger, weil sie gewohnt sind, für das, was sie sagen, in die Pflicht genommen zu werden, die Opposi­tionsparteien etwas knapper, weil sie sich in den ins Detail gehenden Wahlprüfstei­nen nicht in letzter Konsequenz outen kön­nen oder wollen. Denn auch sie könnten in die Pflicht genommen werden. Anknüpfend an Bismarck hat Vaclav Havel Politik nicht als Kunst des Möglichen, sondern des Unmöglichen bezeichnet. Schaut man sich um, meint man ihm Recht geben zu müssen: Europäische Union, Naher Osten, Flüchtlinge, Finanzkrise... Unmögliches doch zu erreichen, ist allerdings auch ein Qualitätskriterium von Politik - und nicht minder von Architektur. Denn es ist der „Möglichkeitssinn“ aus Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, der uns Architekten und Ingenieure treibt und auszeichnet. Unsere Aufgabe ist es, das Mögliche zu erkennen, zu beschreiben und umsetzbar zu machen. Das Feld des „bezahlbaren Wohnraums“ (rund 20.000 neue Wohnungen in den nächsten fünf Jahren) ist eine solche Möglichkeit, die die Kammer zusammen mit der Wohnungs- und Bauwirtschaft zügig erkannt und vorwärts getrieben hat.

„Infrastrukturen ertüchtigen (und er­halten)“ ist inzwischen beinahe schon ei­ne Unmöglichkeit, sind doch der Erhalt von Straßen, Breitbandausbau und Schulbau über Jahre vernachlässigt worden. Hier ist weniger die Tatsache komplex, sondern die Frage, wie man das bei einem anstehenden Generationenwechsel von Ingenieuren er­reichen will. Es fehlen junge Ingenieure. Niemand nimmt das Thema richtig ernst. Die Quote von Studienabbrüchen ist enorm, ein Rückbesinnen auf die Förde­rung von MINT-Fächern zu wenig. Öffentliche Vergaben: Die mittelstän­dischen Strukturen des Landes sollen be­achtet werden, Zugangskriterien für klei­nere Büros (auch die gehören zum Mittel­stand) werden jedoch zunehmend gekappt, die Verantwortung auf EU-Vorschrif­ten verlagert. Land und Kommunen müs­sen erkennen, dass der einzuschlagende Weg kaum umsetzbar sein wird. Nicht jede Kindertagesstätte kann europaweit ausge­schrieben werden. Gerade die Thematik „Planungswett­bewerb“, die sich in gesteigertem Maße mit dem Erfinden von Möglichkeiten aus­einandersetzt und bewertbare Kriterien lie­fert, wird im neuen Vergabegesetz sturm­reif geschossen. Will man Möglichkeiten diskutieren, braucht man verständige, dialogbereite Partner auf Augenhöhe. Bauverwaltun­gen dürfen nicht weiter ausgedünnt und zu reinen Immobilienbetrieben degradiert werden. Nur mit Sinn für Mögliches und dem Verstehen einer anderen Sprache lässt sich Unmögliches realisieren. Zur Augen­höhe gehört die fachliche Kompetenz auf beiden Seiten.

Energiepolitik darf kein Rätsel bleiben. Die EnEV, die Planung und Gestaltung der Windenergie, Suffizienz, Kreislaufwirt­schaft sind stellenweise unausgegoren. Der Demografische Wandel ist er­kannt, aber mit der Flüchtlingsproblematik auf eine andere Stufe gefallen. Auch mit bleibenden Flüchtlingen wird die Überal­terung unserer Gesellschaft fortschreiten. Sterbende Ortskerne werden sich nicht selbst reaktivieren. Ohne verbesserte Fi­nanzausstattung lassen sich gut organisier­te regionale Zentren im ländlichen Raum sozial, kulturell und verkehrstechnisch kaum stärken. Um Möglichkeiten auszuloten und Un­möglichkeiten in Möglichkeiten zu verwan­deln, ist der „Blick über den Tellerrand“ un­abdingbar. In Rheinland-Pfalz ist das er­schwert, weil sich fünf Ministerien mit dem Bauen beschäftigen. Das begonnene Mitei­nander des „Dialogs Baukultur“ muss des­halb systematisch weiter ausgebaut wer­den. Sinnvoll wäre eine Bündelung der Zu­ständigkeiten, ein eigenes Bauministerium eine denkbare und dankbare Möglichkeit.

Die Kammer bietet Gesprächsebenen und Gesprächskultur. Die Stiftung Baukul­tur mit dem Zentrum Baukultur in Mainz ist solch ein Ort. Zusammen mit dem Fi­nanz- und Bauministerium sowie anderen haben wir Möglichkeiten beschrieben und ausgelotet. Die „Impulse für den Woh­nungsbau“ ebenso wie der Wettbewerb „Mehr MITTE bitte“ zeigen erste Erfolge. Ministerreisen sorgen für Einblicke in Mög­lichkeiten und bieten Anstöße. Das „Bünd­nis für bezahlbares Wohnen“ zeigt einen dialogbereiten Weg anfangs vermuteter Unmöglichkeit. Wir haben die im März zu wählenden Politiker am 17. Februar nach ihrem Mög­lichkeitssinn gefragt. Wie gehen sie mit dem Künftigen um, welche Konzepte ha­ben sie, und wie wollen sie unseren Berufs­stand darin einbinden? Eine Zusammenfassung der Veranstaltung finden Sie hier: MEHR