16. April 2014

Mehr Mitte, bitte!

Kammerpräsident Gerold Reker weist in der Mai-Ausgabe des Deutschen Architektenblattes darauf hin, dass es keine allgemein gültige Strategie zum Umgang mit den Auswirkungen des demografischen Wandels gibt. Jeder Ort ist unterschiedlich betroffen und hat sein eigenes Potential für Lösungen.

Das Thema „Demographischer Wandel“ ist in aller Munde. Die Szenarien der zukünftigen Entwicklungen verdeutlichen allerdings, dass er sich räumlich sehr dispers auswirkt. Dabei ist die Demographie zunächst einmal nichts anderes als Statistik, die mit klugen Kurven zukünftige Entwicklungen prognostiziert. Selbst wenn noch einiges an fehlenden Statistiken zu wirklich verwertbaren Aussagen aufgearbeitet werden muss, braucht man niemandem mehr erklären, dass auch die Menschen in Rheinland- Pfalz immer älter werden. Das geht einher mit rückläufi gen Geburten. Dass dadurch die Zahl der hier lebenden Menschen sinkt, ist selbsterklärend. Wie die zukünftige Bevölkerungsverteilung charakterisiert ist, das ist auch Gegenstand eines derzeit in der Erarbeitung befindlichen Gutachtens über die quantitative und qualitative Wohnraumnachfrage in Rheinland-Pfalz.

Zu klären ist, wo der Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung überdurchschnittlich steigen und sich damit auf alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens auswirken wird. In einigen ländlichen Regionen unseres Landes ist das schon heute spürbar.

Verdeutlicht werden muss weiterhin, dass jede Region, ja, jede Gemeinde ihre eigene demografi sch differenzierte Entwicklung haben wird.

Insofern ist es richtig, dass die Gemeinden selbst das Sammeln und Analysieren von Daten in die Hand nehmen. Auch wenn das nur Momentaufnahmen mit mittelfristiger Aussage sein können, zeigen doch die ersten Modellprojekte des „Zukunfts-Checks-Dorf“, die beispielsweise der Kreis Bitburg-Prüm am 25. März 2014 in Bitburg vorstellte, dass Selbsterkenntnis der erste Schritt zum Lösungsansatz ist. Der einwohnerschwächste Kreis des Landes - gleichzeitig der Kreis mit dem höchsten Anteil an Ortsgemeinden - versucht übergeordnete Zusammenhänge herauszufi nden: Man analysiert Lebensqualität, Bürgerbeteiligung, Grundversorgung, Gebäudekataster, Innenentwicklung, Baulandmobilität, Energiewende, Mobilität, Jugend, Gewerbe, Kultur und Tourismus, Arbeitsplätze, Fachkräftemangel etc.

Dies sind Fragestellungen, deren Beantwortung viele Gemeinden im vorwiegend ländlich strukturierten Raum von Rheinland- Pfalz bewegen. Erkennbar wird dabei, dass mancher Ort an der Zersiedlung im Außenbereich leidet und eine wünschenswerte Innenverdichtung aus verschiedenen Gründen bisher nicht realisiert wurde. Zunehmend sind innerörtliche Leerstände wahrnehmbar, Brachen werden nicht aktiviert und Bauflächen bleiben liegen.

„Verödung“ von Ortskernen entgegenzuwirken, ist eine komplexe Aufgabe aus privaten und öffentlichen Interessen. Genau an dieser Schnittstelle setzt der geplante Wettbewerb „Mehr Mitte, bitte! - Ein Wettbewerb für Wohnen und Leben in ländlichen Ortskernen“ an, den das Finanz- und Bauministerium Rheinland- Pfalz zusammen mit dem Gemeinde und Städtebund Rheinland-Pfalz und in Zusammenarbeit mit der Kammer auf den Weg bringt.

Im Mittelpunkt des Wettbewerbs steht die Stärkung und Wiederbelebung des innerörtlichen Wohnens. Innerörtliche und innerstädtische Leerstände sollen aufgearbeitet und beseitigt, Brachen reaktiviert und Baufl ächen mobilisiert werden. Ziel des Wettbewerbs soll sein, die Bauprojekte nicht als Solitär, sondern im Zusammenhang des bebauten Ortskerns zu betrachten. Anhand eines innerörtlichen Missstandes soll zusätzlich zur baulichen Umsetzung ein Prozess im Ort für alle Bewohner zusammen mit der Kommune in Gang gesetzt werden. Ähnlich - wie beim Zukunfts-Check-Dorf - werden die kommunalen Verantwortungsträger wie Bürgermeister, Beigeordnete, Ratsmitglieder und die Bewohner eines Ortes in das Verfahren eingebunden.

Wie bereits bei anderen europäischen Bewegungen erkannt, lassen sich viele Fragen zukünftiger Dorf- und Stadtpolitik wahrscheinlich nur mit den betroffenen Menschen gemeinsam angehen und lösen. Welche Prozesswege es zur Erreichung von Zielen der Baukultur gibt, wurde bei der Ausstellung des „Land-Luft-Baukultur- Gemeindepreises 2012“ im Zentrum Baukultur eben erst einfach und nachvollziehbar gezeigt. Es wird sich herausstellen, ob durch das dokumentierte bürgerliche Engagement die Identifi kation und Kommunikation nach innen und außen gestärkt werden kann. Das Thema mit Optimismus anzugehen, scheint jedoch erfolgsversprechender als den Kopf in den Sand zu stecken und auf bessere Zeiten zu hoffen. Woher sollen die kommen, wenn nicht aus den Gemeinden selbst?

Die Architektenkammer setzt auf Pilotprojekte, bei denen interessante Initiativen, die Vorbildcharakter für Nachahmer haben, das Maß an Unterstützung erhalten, das oft gerade noch fehlt. Einen solchen Ansatz verfolgt auch der Wettbewerb „Mehr Mitte, bitte!“. Dass dieser Weg erfolgreich sein kann, haben Länder wie Sachsen-Anhalt mit der Initiative „Mut zur Lücke“ vorgemacht.

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