20. August 2010

Mehr Kraft - Ein (berufs-)politisches Sommerfest zum 60ten

Alle Erwartungen übertroffen hat die Publikumsresonanz auf die Einladung zum ersten Sommerfest der Architektenkammer aus Anlass des 60. Kammergeburtstages 2010. 

Am 18. August feierte die Architektenkammer Rheinland-Pfalz ihren 60. Geburtstag mit einem Sommerfest im Besucherzentrum des Kraftwerks Mainz-Wiesbaden. Die Resonanz auf die Einladungen überstieg alle Erwartungen. Rund 300 Architekten sowie Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft genossen den Abend mit vielfältigen Gesprächen über Baukultur - im Großen wie im Detail, Alltägliches und Persönliches. Neue Kontakte wurden geknüpft, alte aufgefrischt, bei angenehmen Temperaturen und Blick auf Industrieanlagen, Sonnenuntergang und Rhein. Der Standort auf der Ingelheimer Aue war mit Bedacht gewählt. Die Architektenkammer wollte den Fokus auch auf einen oft stiefmütterlich behandelten Teil der Baukultur lenken: den Industrie- und Gewerbebau sowie die Infrastruktur und Stadtentwicklung.

 

Ralf Schodlok, Vorstandsvorsitzender der Kraftwerke Mainz-Wiesbaden, hieß die Gäste im „Mufu“, dem in diesem Jahr neu eröffneten Multifunktionsgebäude der Kraftwerke willkommen. Anschließend nahm Stefan Musil, Präsident der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, als erster auf der „lila Couch“ Platz. Vom Moderator Stefan Reusch zu den aktuellen Entwicklungen im Baugeschehen befragt, bezog er sich auf das naturgemäß immer geltende Motto des 50. Geburtstags: Heute baut morgen. Manche Dinge hätten sich in der Zwischenzeit zwar verbessert, was aber nicht bedeute, dass es nichts mehr zu tun gebe. So sei die Honorarordnung zwar novelliert worden, sie müsse aber unter deutlich stärkerer Berücksichtigung des Bauens im Bestand weiter entwickelt werden. Und auch bei der Vergabe seien faire Rahmenbedingungen erforderlich: Transparenz eine Notwendigkeit, ebenso wie die Chancengleichheit. Auch kleinere Büros in Rheinland-Pfalz müssten die Möglichkeit haben, sich an Vergabeverfahren zu beteiligen. Bachelorabschlüsse nach nur sechs Semestern seien mit dem Versprechen eines berufsqualifizierenden Abschlusses eingeführt worden, nur fehle der entsprechende Beruf. Die in drei Jahren vermittelten Qualifikationen reichten weder für die Ausübung des Berufs, noch erfüllten sie die formalen Eintragungsvoraussetzungen.

 

 

Auf der Couch ging es für die geladenen Politiker weiter: Julia Klöckner, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Verbraucherschutz und stellvertretende Landesvorsitzende der CDU, und Eveline Lemke, Landesvorstandssprecherin Bündnis 90/Die Grünen, stellten sich zuerst den Fragen von Stefan Reusch zum Thema „Die Zukunft des Planens und Bauens als Teil der Bau- wie der Kreativwirtschaft“. Einig waren sich beide Politikerinnen darin, dass die geplante Brücke im Mittelrheintal ein funktional und ästhetisch gelungener Entwurf sei. Klöckner hielt eine Brücke zudem für vereinbar mit dem Status des UNESCO-Kulturerbes und bezeichnete sie als alternativlos für die wirtschaftliche Entwicklung der Region. Lemke plädierte hingegen dafür, das Geld für andere Zwecke einzusetzen. Es gebe in der Gegend keinen Schwerlastverkehr, der die Brücke erforderlich mache. Sie setzte sich für die Erhaltung der Fähren, jedoch mit einem Tag-und-Nacht-Betrieb ein. Einig waren sich beide auch in der positiven Bewertung von Wettbewerben. Lemke hob die dadurch generierten neuen Ansätze und kreativen Ideen hervor. Klöckner sprach sich zudem für begrenzte Wettbewerbe und Ausschreibungen aus, um die Wertschöpfung im Lande zu halten. Das Konjunkturprogramm II mit seiner Möglichkeit der beschleunigten Vergabe habe gezeigt, dass dies möglich sei. Klöckner forderte eine Modernisierung und Anpassung der HOAI und die Beibehaltung der Trennung von Planungs- und Ausführungsleistungen. Lemke setzte sich für Förderprogramme zur Unterstützung von ökologischen Baumaßnahmen ein, diese sollten ganze Straßenzüge und Quartiere umfassen und auch Mietern zu gute kommen. Klöckner hingegen gab der Stadt- und Ortskernsanierung den Vorzug und will generell die Förderprogramme überprüfen.

 

 

Es folgten Jochen Hartloff, Fraktionsvorsitzender der SPD, und Herbert Mertin, Fraktionsvorsitzender der FDP auf der „lila Couch“. Die Beibehaltung des Dialog Baukultur befürworteten beide Politiker, Mertin will jedoch die Sinnhaftigkeit immer wieder hinterfragen. Den Rückgang der Wohnungsbaugenehmigungen führte er auf die demografische Entwicklung zurück, der man ins Auge sehen müsse. Auch Rückbau sei für ihn eine Option und ein ganz neuer Bereich für Planungen. Hartloff hob die positiven Aspekte des Wandels hervor und beschrieb diesen als Chance, im ökologischen wie gestalterischen Sinne. Er geht davon aus, dass sich der Architektenberuf verändern wird. In Zukunft werde es vermehrt größere Firmen und spezialisierte Büros geben. Dies seien die Risiken eines jeden Freiberuflers, so Mertin. Beide waren auch für den 100. Geburtstag der Kammer zuversichtlich und sagten gleich ihr Kommen zu.

 

 

Es folgten ein kabarettistischer Rückblick von Stefan Reusch, nicht auf die Woche wie jeden Freitag auf SWR 3, sondern auf die vergangenen Jahre: Ein Hoch auf den Komfort und die Pflegeleichtigkeit von Autos im Gegensatz zu Kindern und die beklagenswerte mangelnde staatliche Unterstützung ihrer Fahrer. Die Band "Blue Cats" sorgte für die richtige Stimmung und Führungen durch das Kraftwerk für weitere Einsichten, bis die Pendelbusse gegen 23 Uhr die letzten Gäste noch Hause fuhren. Am Ende stand die einhellige Meinung vieler Gäste: Ein gelungener, unkonventioneller Abend, in angenehm entspannter Atmosphäre und mit eigenem Stil, der unbedingt wiederholt werden sollte. Genau das plant die Architektenkammer: In Zukunft sollen sich Architektentage und Sommerfeste in jährlichem Rhythmus abwechseln.

 

 

Die Diskussionen auf der „lila Couch“ wurde als Livestream per Internet auch zur heimischen Couch übertragen.