21. November 2011

Mehr Kommunikation - Mehr Stadt: Der 9. Architektentag in Rheinland-Pfalz

Der dritte Themenblock beim rheinland-pfälzischen Architektentag im Sommer 2011 stand unter dem Motto: Mehr Kommunikation: Zwischen Protest und Beteiligung.

Vor dem Hintergrund der im ganzen Land zunehmenden Bürgerproteste gegen städtische Planungen, für die Stuttgart 21 zum Synonym geworden ist, sollte beleuchtet werden, wie Städtebauplanungen und Bürgerwille vereinbar sind. 

Kleinräumig oder weit - Wie gelingt Kommunikation?

Architektur schafft Räume, Kommunikation auf ihre Weise ebenfalls, so Kommunikationswissenschaftlerin Professor Dr. Wiebke Möhring. Die Art und Weise, wie sich soziale Räume in den nächsten Jahren entwickeln werden, hänge auch von der Art der Kommunikation ab. Eine denkbare Konsequenz aus der Globalisierung der Kommunikation durch das Internet sei die These einer raumlosen Gesellschaft, in der der geografische Raum an Bedeutung verliere. Diese Vision habe sich bisher jedoch nicht bewahrheitet. Lokale Kommunikationsräume seien immer noch - oder sogar mehr denn je - bedeutsam. Menschliche Interaktionen und Kommunikation seien geprägt von Kopräsenz, Vertrauen und Nähe. Gerade räumliche Nähe ermögliche niederschwellige Kontakte und eröffne den Raum für unverbindliche, informelle Begegnungen. Globalisierung bedeute nicht zwangsläufig die Aufhebung lokaler Identitäten und Besonderheiten.

Stadtentwicklung und Partizipation

Ohne Planungskommunikation gehe es bei Städtebauvorhaben nicht, so Planungsmoderatorin Dr.-Ing. Christiane Grüger, vom Büro für Planungskommunikation „cg konzept“. Nach einem Rückblick über die Geschichte der Bürgerbeteiligung, zeigte sie die zentralen Prinzipien auf: eine frühzeitige Information und Anhörung, sowie Transparenz, eine Kultur des Miteinander und die Ergebnisoffenheit des Prozesses. Man müsse Abschied nehmen von traditionellen Plänen und stattdessen mehr ergebnisoffene Prozesse initiieren.

Wenn Bürgerbeteiligung nicht um ihrer selbst willen betrieben würde, sondern im gegenseitigen Vertrauen, könne lokale Demokratie gelebt und bürgerliches Engagement für die eigene Stadt geweckt werden. Die Beteiligungswirklichkeit sehe jedoch vielfach anders aus. Ein Paradigmenwechsel im Beziehungsverhältnis von Verwaltung/Stadtpolitik und Zivilgesellschaft sei notwendig, so Dr. Grüger.

Unter dem Eindruck von Stuttgart 21 werde zudem ein Partizipationsparadox deutlich: Werde eine Planungsabsicht geäußert, zeigten nur wenige Bürger Interesse, sich zu beteiligen und in die Materie einzuarbeiten. Mit dem Fortschreiten der Planungen schwänden die Spielräume der Einflussnahme, im gleichen Maße wüchsen aber öffentliches Interesse und Engagement. Wichtig sei auch zu erkennen, dass es den „Superbürger“, der das Gemeinwohl im Sinne habe, nicht gebe. Hinter jedem Engagement stehe ein subjektives Interesse. Um so wichtiger sei es daher, gemeinsam darüber zu reden, was das Gemeinwohl eigentlich ist, forderte Dr. Grüger.

Bohnen im Baufeld?

Aus ganz anderer, „grüner“ Sicht stellte Landschaftsarchitekt und Umweltingenieur Dirk Melzer städtische Entwicklungspotenziale und  bürgerschaftliches Engagement vor. Er verbindet die Trends der vergangenen Jahre - die Wiederentdeckung der Schrebergärten und  Guerilla Gardening - zur Forderung nach urbanen Agrikulturen, der temporären Nutzung städtischer Brachflächen zum Gemüseanbau. Freie Flächen gebe es genug. Nur seien sie zumeist hinter Zäunen und Mauern versteckt.

Im Rahmen der Kölner Architekturwoche „plan 10“ realisierte Melzer zusammen mit der Architektin Katrin Bohn eine „wachsende Ausstellung“. Bei diesem experimentellen, partizipatorischem Projekt forderten sie die Bürger des Stadtteils Ehrenfeld auf, eine Woche lang, ihr auf Hinterhöfen, Dächern und Balkonen selbst angebautes Gemüse zu präsentieren. Angeordnet wurde es in einer Skulptur, die den Grundriss von Ehrenfeld nachzeichnete. So wurden Zonen ablesbar, in denen engagierte Großstadtgärtner leben und wahrscheinlich entsprechende bauliche Möglichkeiten vorhanden sind. Parallel wurde das Potential für „Urban Farming“ erforscht und in einer „Karte der Möglichkeiten“ dokumentiert. Diese zeigt eine ehemalige Güterbahntrasse, die zu einem linearen Park umgewandelt, zahlreiche flankierende Brachflächen für das städtische Gärtnern erschließen könnte.

Was auf der „plan 10“ spielerisch und visionär begann, zeigt inzwischen konkrete Auswirkungen. In einem Wohnquartier, das die städtische Wohnungsbaugesellschaft GAG in Ehrenfeld errichtet, sollen die Freiflächen nicht dekorativ sondern produktiv bepflanzt werden, als Gemeinschaftsgarten. Kulturformen der offenen Landschaft gebe es schon immer in der Stadt, so Melzer, aus Wald und Wiese wurde der Landschaftspark. Warum sollte nicht ebenso aus dem Acker ein Feldpark werden?

Im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne

Wie Stadtplanung auf umstrittenem Terrain aussehen kann, stellte Architekt Professor Christoph Mäckler anhand der viel diskutierten Planungen für die Frankfurter Altstadt vor. Nach einem ersten Wettbewerb 2005 hatte es Proteste von Frankfurter Bürgern gegeben. Sie forderten die Rekonstruktion der historischen Altstadthäuser. Daraufhin initiierte die Stadt eine Planungswerkstatt mit Bürgerbeteiligung. Als Ergebnis wurde in einer Gestaltungsatzung festgeschrieben, dass die neuen Gebäude der Parzellierung des mittelalterlichen Stadtgrundrisses entsprechen und in Materialität und Typus an der ehemaligen Bebauung orientiert sein müssen. So soll ein Stück der Frankfurter Geschichte wieder wachgerufen werden. Ein Gestaltungsbeirat unter Vorsitz von Mäckler wurde gegründet, die weiteren fünf Mitglieder von ihm in Abstimmung mit der Politik zusammengestellt.

Im Dezember 2010 fand ein erneuter nichtoffener Wettbewerb statt, zu dem 56 Architekturbüros eingeladenen waren. Hauptbeurteilungskriterium der Jury unter Vorsitz von Mäckler war die Fassadengestaltung. Mäckler beklagte auf dem Architektentag städtebauliche Fehlentwicklungen in den vergangenen Jahrzehnten. Den Städten mangele es an Identität.

Parzellierung sei das, was wir heute in unseren Städten benötigten. Architekten müssten sich mehr mit dem Ort und seiner Geschichte auseinandersetzen, dies würde auch zu mehr Akzeptanz in der Bevölkerung führen.