23. Juli 2015

Mehr Entwurf und Praxis im Stadtplanerstudium

Porträt Frank Böhme
Frank Böhme
Foto: Heike Rost, Mainz

Vorstandsmitglied Frank Böhme macht sich in der August-Ausgabe des Deutschen Architektenblattes Gedanken über das Stadtplaner-Studium.

Ende der 1960er Jahre wurden die ersten eigenständigen Studiengänge der Stadtplanung, Raum- und Umweltplanung an den deutschen Hochschulen etabliert. Dies resultierte aus der Erkenntnis, dass die klassische Architektenausbildung die Aspekte der Stadtgestalt, der Stadtökonomie, der Stadtökologie und insbesondere der Stadtsoziologie nicht berücksichtigte. Die neuen Studiengänge waren eigenständig oder den Architekturfakultäten angeschlossen; die Studierenden konnten aber immer auf die Angebote des Architektur-, Bauingenieur- und Vermessungsingenieurstudiums zurückgreifen. Die hochbaulichen Grundlagen des Entwurfs gehörten zur Kernausbildung. Für mich waren und sind diese notwendiges Rüstzeug für einen jeden Stadtplaner. Auch die Praxis kam nicht zu kurz: Grundvoraussetzung für das Studium war ein Praktikum, daneben gab es Projektarbeiten und der „Städtebauliche Entwurf“ war einer, wenn nicht der wichtigste Bestandteil des Studiums.

Kölner Erklärung
Und heute? Die im Mai 2014 herausgegebene Kölner Erklärung übt nun Kritik an der Ausbildung. Bemängelt wird, dass die einzelnen Disziplinen aneinander vorbei planen, Deutschland noch nie so wohlhabend war, seine Stadträume aber noch nie so armselig... Der Grund dafür wird in der Aufsplittung der Planungsprozesse in isolierte Fachplanungen gesehen. Das städtebauliche Wissen werde nicht mehr in der nötigen integrierenden Weise gelehrt, heißt es in der Erklärung, die von namhaften Architekten und Stadtplanern unterzeichnet wurde.

In der Tat scheint in der Planerausbildung einiges schief zu laufen. Bei der Umstellung vom Diplom zum Bachelor-Master-System sind wesentliche Bestandteile der Planerausbildung verloren gegangen oder anders akzentuiert worden. Die Aussagen der Kölner Erklärung mögen einseitig, vereinfachend, pauschaliert, verkürzt und polemisch sein, aber diese Polemik erzeugte eine breite Debatte um die Zukunft der Lehre. In bester planerischer Tradition ist hierfür ein breiter Dialog aller Beteiligten aus Wissenschaft, Lehre und Berufspraxis erforderlich.

Auf unserem Erfahrungsaustausch am 29. Mai 2015 haben wir das Thema ebenfalls aufgegriffen. Zu Gast war Stadtplaner Thomas Fischer, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet „Stadtumbau - Ortserneuerung“ an der TU Kaiserslautern. Er stellte dar, wie sich in den vergangenen 20 Jahren insbesondere die Gewichtung des städtebaulichen Entwurfs verändert hat: 1994 gab es noch den großen gemeinsamen Fachbereich „Architektur, Raum- und Umweltplanung, Bauingenieurwesen“ (ARUBI) mit gemeinsamen Vorlesungen, Seminaren, Entwürfen und Wahlpflichtfächern. Fünf Professoren im Fachbereich Raum- und Umweltplanung betreuten fünf Entwurfslehrstühle: Stadtplanung, Ländliche Ortsplanung, Regional- u. Landesplanung, Grünordnungsplanung, Computergestützte Planungs- u. Entwurfsmethoden. Seit 2011 existieren drei kleine, getrennte Fachbereiche. Im Fachbereich Raum- und Umweltplanung gibt es zehn Professoren, mit nur noch drei Entwurfslehrstühlen: Stadtplanung, Stadtumbau + Ortserneuerung sowie computergestützte Planungs- und Entwurfsmethoden. Kleine Entwürfe, Stegreife und Pflichtpraktika wurden bei der Einführung des Bachelorstudiengangs geopfert. Auch Exkursionen gibt es kaum noch. Fischer forderte daher: Die praxisorientierte Ausbildung müsse wieder mehr in den Vordergrund treten.

In Düsseldorf fand Ende März eine Tagung zum selben Thema statt. Auf zwei Beiträge möchte ich kurz eingehen: Prof. Peter Zlonicky, einer der Unterzeichner der Kölner Erklärung, bemängelte ebenfalls die Entwicklungen im Studium - in Dortmund wurde sogar der städtebauliche Entwurf als Pflichtfach gestrichen. Studierenden werde nicht mehr die Zeit gegeben, sich von der Planerausbildung packen und prägen zu lassen. Haltungen zu Themen des Städtebaus müssten sich entwickeln können, es brauche Zeit und Übung, dazu gehörten auch Exkursionen, damit sich Werturteile bilden zu könnten, so Zlonicky.

Der zweite Vortrag wurde von Franz-Josef Höing, Baudezernent der Stadt Köln und ebenfalls Unterzeichner der Kölner Erklärung, gehalten. Höing berichtete aus der Praxis und begann seinen Vortrag mit der erschreckenden Aussage, dass die Stadt Köln keinen Stadtplanernachwuchs finde. Es gäbe zu wenige Absolventen, die die Interdisziplinarität kennen, leben bzw. gelernt haben, so Höing. Diese sei aber notwendig; Arbeitsteilung sei wie ein schlecht organisierter Staffellauf. So könne man eine Stadt nicht lesen und weiter entwickeln, mahnte er.
Aus unserer Diskussion beim Erfahrungsaustausch kann dies bestätigt werden. Unser einhelliges Plädoyer zielt auf gemeinsame Studiengänge und eine gemeinsame Ausbildung. Nicht Architektur versus Stadt- und Raumplanung, sondern so, wie die Studiengänge zu Beginn der 1970er Jahre ausgelegt waren. ARUBI war beispielhaft!

Als Kammer werden wir das Angebot der TU Kaiserslautern gerne aufnehmen und aktiv beratend bei der anstehenden Reakkreditierung des Studiengangs „Raum- und Umweltplanung“ mitwirken.