12. Dezember 2016

„Machen, einfach machen!“

Arbeitserfahrungen rheinland-pfälzischer Architekten und Absolventen im Ausland aber auch in benachbarten Berufsfeldern stehen im Mittelpunkt einer kleinen Interviewreihe. Gesa Kohlenbach hat Architektur an der FH Mainz studiert und direkt nach ihrem Diplom ihr Café „Annabatterie“ eröffnet.

Frau Kohlenbach, Café statt Architektur, warum dieser Wechsel?
Es war seit Jahren schon mein Traum ein schönes, kleines Café zu betreiben und so etwas hat in Mainz einfach gefehlt. Während meines Praxissemesters habe ich in Architekturbüros in Australien und New York gearbeitet, und besonders in Australien habe ich eine tolle Café-Kultur kennengelernt. Jeder Kiez hat dort sein kleines, individuelles Café.

Die schwierige Arbeitsmarktlage für Architekten war also nicht der Grund für Ihre Entscheidung?
Nein, überhaupt nicht. Viele meiner Freunde haben Architektur studiert und fast alle arbeiten inzwischen in einem Büro. Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich sicher auch einen Job gefunden. Darum habe ich mir nie Sorgen gemacht. Das ist aber jetzt noch nicht mein Ziel, ich fühle mich noch zu jung, um den ganzen Tag im Büro zu sitzen. Wenn ich 30 bin, kann ich das immer noch machen.

Sie können sich also vorstellen doch noch als Architektin zu arbeiten?
Ja, natürlich. Zusammen mit Freunden werde ich auch neben dem Café an Projekten arbeiten, besonders Ladengestaltung und Möbelentwurf interessieren mich. Ich überlege momentan noch Innenarchitektur im Masterstudiengang zu studieren. Das Café ist dabei so eine Art Ruhekissen: Ich kann damit mein Leben finanzieren und mir so in Ruhe Gedanken darüber machen, was ich im Bereich Architektur machen will. Ich könnte beispielsweise ganz in Ruhe Möbel entwerfen und diese über einen eigenen Internetshop vertreiben.

Gesa Kohlenbach: "Wenn man zu 100 Prozent dahinter steht, dann funktioniert es auch." Foto: privat

Und worin besteht der alltägliche Reiz ein Café zu betreiben, im Vergleich zur Arbeit als Architektin?
Die Selbstständigkeit. Ich bin mein eigener Chef. Ich mache, was ich will und bin niemandem Rechenschaft schuldig. Die freie Zeiteinteilung ist auf jeden Fall auch ein Vorteil. Ich arbeite zwar länger als von 9 bis 17 Uhr, aber dafür bestimme ich selber, wann ich arbeite.

Es scheint so, als ob es eine Verwandtschaft zwischen Gastronomie und Architektur gibt. Nicht wenige Architekten haben Cafés oder Bars eröffnet, besonders in den Städten. Gibt es wirklich Parallelen?
Ich könnte mir vorstellen, dass viele Architekten sich bei der Fülle von uninspirierten Cafés denken: Das kann ich einfach besser!

Der Gestaltungsdrang also. Hatten Sie denn vor der Eröffnung Ihres Cafés schon Erfahrung in der Gastronomie?
Ich habe während meines gesamten Studiums in unterschiedlichen Cafés, Kneipen und Bars gearbeitet, zehn Jahre lang, bei manchen auch so lange, dass ich Einblicke in die Geschäftsführung und die Bestellungen hatte. Ohne diese Erfahrung geht es auch nicht. Man muss wissen: Wie wird in der Küche gearbeitet? Wie laufen die Bestellungen? Was braucht man überhaupt?

Was hat Ihnen sonst noch beim Start geholfen?
Meine Geschwister, sie sind am Café beteiligt. Das hat sehr geholfen, alleine um nachts schlafen zu können. Trotzdem gab es ein paar schlaflose Nächte. Auch das Studium hat mir geholfen. Und natürlich Freunde. Zusammen mit ihnen und vor allem mit meinem besten Freund, auch Architekt, haben wir sieben Wochen lang die Räume umgebaut und ich habe meinen ersten Bauantrag erstellt.

Auf Ihr Café scheinen viele, besonders Studenten, gewartet zu haben, ich habe es selten leer gesehen. Wie erklären Sie sich den Erfolg?
Es ist anders, individuell. Es hat eine persönliche Note. Diese gekauften Konzepte, die es für Cafés und Kneipen gibt, kann ich nicht leiden. Alle sehen gleich langweilig und monoton aus.

Nochmal zur Finanzierung: Welches Budget braucht man, wenn man ein solches kleines bis mittelgroßes Café eröffnen möchte?
Das ist schwer zu sagen. Ich bin sehr gut darin, Dinge schön zu machen, die nichts kosten. Die Einrichtung zum Beispiel hat fast nichts gekostet, dafür kann man aber auch locker 100.000 Euro bezahlen.

Das Café „Annabatterie“ am Gartenfeldplatz in der Mainzer Neustadt. Foto: privat

Sie haben erzählt, ihre Geschwister sind am Café beteiligt, brauchten Sie darüber hinaus noch einen Kredit?
Ja, ein Kredit war leider auch notwendig. Den haben wir aber von Bekannten erhalten.

Gab es keine Förderprogramme?
Wir haben keinerlei Gründungszuschüsse bekommen.

Sie brauchten keine, oder Sie hatten keinen Anspruch?
Wir hatten keinen Anspruch. Vom Arbeitsamt erhält man nur eine Förderung, wenn man zuvor arbeitslos war. Die KfW bietet zwar einen Gründerkredit an - bei dem man im ersten Jahr keine Raten zahlt, in den nächsten Jahren dafür um so höhere - aber auch da waren die Zinssätze schlecht. Dass wir trotz unseres Low-Budget-Ladenausbaus einen Kredit brauchten, ärgert mich noch immer. Die Stadt Mainz macht es Gründern unglaublich schwer. Der Nachweis der geforderten Stellplätze, beziehungsweise die Ablösesumme für diese, bricht sehr vielen Gründern das Genick. Unser Café ist in der Mainzer Neustadt, rund 1,5 Kilometer von der Innenstadt entfernt, ein typisches Kiez-Café. Für die Ablösung eines Stellplatzes mussten wir aber die gleiche Summe bezahlen wie ein Geschäft in der Fußgängerzone: 13.500 Euro. Es gibt auch einen reduzierten Satz von 7.500 Euro, der gilt außerhalb der Innenstadt. Wo der angewandt wird, ist mir schleierhaft.

Wie viele Stellplätze mussten Sie nachweisen?
Wir brauchten fünf, bei einer Ladenfläche von 48 Quadratmeter. Wir haben einen Tag lang gedacht, das ist das Ende. Letztendlich konnten wir die Anzahl auf zwei reduzieren, da die Schneiderei, die zuvor in unseren Räumen war, auch schon Parkplätze abgelöst hatte und da wir eine Mischung aus Café und Laden sind. Das ist aber immer noch sehr viel Geld, besonders da man die Parkplätze ja nicht bekommt. Kein Wunder, dass es hier so wenige Cafés, Kneipen und kleine individuelle Läden gibt, obwohl Mainz eine Studentenstadt ist.

Haben Sie Unterstützung von institutioneller Seite bei der Gründung erhalten?
Die IHK war sehr hilfsbereit. Wir wollten eine Firma gründen, um nicht mit unserem privaten Vermögen zu haften. Die IHK hat dazu sehr umfangreiche Informationen und bietet zudem ausführliche Beratungen an.

Kosten die etwas?
Nein, das war super. Ich war aber auch schon IHK-Mitglied. Sonst gab es allerdings sehr wenig Hilfe. Besonders bei den Ämtern kommt es sehr darauf an, an welchen Bearbeiter man gerät. Bei einigen hatte ich das Gefühl, sie wollten mir bewusst Steine in den Weg legen. Es gab auch immer wieder Fehlinformationen. Es gab Momenten, da dachte ich: Das schaffe ich nie! Dann gab es aber auch wieder sehr hilfsbereite Mitarbeiter bei den Behörden.

Wie lange hat die Vorbereitungsphase insgesamt gedauert?
Ich habe schon während der letzten Jahre viele Ideen gesammelt. Richtig konkret wurde es ab November 2009, nachdem wir das Ladenlokal hatten. Das war noch während meiner Diplomzeit. Im Februar habe ich meine Diplomarbeit abgegeben und danach noch eine kleine Weltreise gemacht, wieder mit Endziel Australien. Dort habe ich viele Ideen fürs Café gesammelt, ich war ständig mit meinem Skizzenbuch unterwegs. Nachdem ich Mitte März wieder zurück in Mainz war, ging es richtig los. Zuerst habe ich versucht alle Vorschriften zu recherchieren, dann mussten wir die Finanzierung klären und die letzten sieben Wochen haben wir umgebaut. Am 23. Juli 2010 war dann die Eröffnung.

Insgesamt also etwa ein halbes Jahr. Ist das ein realistischer Zeitrahmen?
Das ist wenig. Es ging nur so schnell, weil ich mir schon seit Jahren Gedanken gemacht hatte.

Was braucht man, Ihrer Meinung nach, um ein Café zu betreiben - unabhängig vom Geld?
Man braucht viel Durchhaltevermögen und viel Einsatz. Ohne sich selbst aufzuopfern geht es nicht. Am Anfang habe ich teilweise 18 Stunden am Tag gearbeitet. Außerdem braucht man auf jeden Fall Organisationstalent. Ich habe immer das Gefühl mit 10.000 Dingen gleichzeitig zu jonglieren. Und ein dickes Fell ist auch gut, das habe ich aber leider nicht.

Haben Sie einen Tipp für alle Architekten, die auch den Wunsch hegen ein eigenes Café zu eröffnen?
Machen, einfach machen! Wenn man zu 100 Prozent dahinter steht, dann funktioniert es auch. Wenn man bereit ist von morgens bis abends dafür zu arbeiten, ist alles möglich. Während der Baustellenzeit, als ich um 4 Uhr morgens aufgestanden bin, habe ich mich mehrfach gefragt: Willst du das wirklich? Und ich habe mir jedes Mal gesagt: Ja, ich will das wirklich, ich will nichts anders machen. Diesen 100-prozentigen Willen hat man nicht oft im Leben, und deswegen war mir auch klar: Das muss funktionieren. Wobei ich, zugegebener Maßen, auch manchmal beinahe verzweifelt wäre.

Das Interview führte Kerstin Mindermann, Freie Journalistin in Mainz und Mitarbeiterin der Architektenkammer Rheinland-Pfalz.