20. Juli 2007

Fürs Studium sowie fürs Leben war es absolut gut. ...

Erfahrungen rheinland-pfälzischer Absolventen im Ausland, aber auch auf benachbarten Berufsfeldern stehen im Mittelpunkt einer kleinen Reihe. Michael Balk hat an der FH in Mainz Architektur studiert und während seines Praxissemesters in Nigeria gearbeitet.

Nigeria ist kein Reiseland. Die Gefährdung durch schwere Gewaltkriminalität (Entführung, Raubüberfälle, Mord), ethnische, religiöse oder politische Unruhen sowie Gesundheitsgefahren machen Nigeria nicht nur für westliche Ausländer zu einem heiklen Terrain. Das Auswärtige Amt warnt ausdrücklich vor Reisen nach Nigeria. Im Rahmenunerer Interviewserie haben wir auch die Erfahrungen von Michael Balk in Abuja/Nigeria dokumentiert, möchten dies aber ausdrücklich nicht als Empfehlung missverstanden wissen, heute nach Nigeria zu gehen. Eine solche Entscheidung muss im Einzelfall für die jeweilige Region und den jeweiligen Zeitpunkt sehr sorgfältig geprüft werden. Erste Hinweise zu Niegeria, aber auch zu allen anderen Ländern weltweit, finden Sie auf den Internetseiten des Auswärtigen Amtes in der Rubrik "reise und Sicherheit" bei www.auswaertiges-amt.de. Die Fragen an Herrn Balk stellte Kerstin Mindermann.

Balk, Sie haben während Ihres Praxissemesters 2001 fünf Monate in Nigeria gearbeitet. Warum Nigeria?
Bilfinger Berger hat mir das Praktikum angeboten. Ich hatte in dem Unternehmen meine Ausbildung als Bauzeichner gemacht und als ich anschließend studiert habe, bestand der Kontakt weiter. Das Angebot hat mich sehr gefreut. Zum einen war ich neugierig auf ein Land wie Nigeria und natürlich habe ich auch daran gedacht, dass so eine Erfahrung ein Pluspunkt im Lebenslauf ist.

Was haben Sie in Nigeria gemacht?
Ich war in Abuja, der neuen Hauptstadt von Nigeria. Die ist in den 1980iger Jahren komplett am Reißbrett entworfen worden und 2003 hat das Büro Albert Speer und Partner aus Frankfurt den Masterplan noch einmal überarbeitet. Die Stadt wird ganz neu aus dem Boden gestampft. Ich habe dort einen Bauleiter unterstützt. Als ich ankam, war gerade ein Verwaltungsgebäude fertig gestellt worden, das Bilfinger Berger dort für sich selbst gebaut hat, dafür habe ich Bestandpläne erstellt. Danach habe ich an einer neuen Baustelle mit gearbeitet, ein Bürohaus für den nationalen Sicherheitsberater.

Wie war das Leben in Nigeria?
Das Leben dort besteht nur aus der Arbeit. Man arbeitet von morgens sieben bis abends 18 Uhr und Samstags wird auch von sieben bis um 13 Uhr gearbeitet. Und das Leben in der Freizeit ist, naja, eher bescheiden. Bilfinger Berger hat dort ein großes Camp für seine Beschäftigten, fast wie ein Ferienlager: Man hat einen Supermarkt, ein Schwimmbad, Tennisplätze, es gibt dort alles, was man für das tägliche Leben braucht. Es gibt ein sehr schönes Clubhaus, da kann man sich hinsetzen, etwas essen, etwas trinken, deutsches Fernsehen gucken. Aber es ist schwer etwas außerhalb des Camps zu machen, es wird einem auch mehr oder weniger davon abgeraten. Man kann dort nicht einfach mal spazieren gehen. Es gibt viele sehr arme Menschen in Nigeria, die auf der Suche nach einem Stück Brot, zur Not auch jemanden töten. Es ist relativ gefährlich. Darum war das Camp mit Stacheldraht eingezäunt und es gab Wachen, die aufgepasst haben, dass niemand eindringt. Man lebt dort zwar relativ gut, man hat alles, was man braucht, aber die latente Gefahr ist immer da. Das ist kein Land in dem man Urlaub machen würde oder sollte.

Das hört sich sehr trostlos an. Arbeitet man aufgrund der mangelnden Freizeitmöglichkeiten so viel oder arbeitet man vor, um Urlaubstage anzusammeln?
Nein, die viele Arbeit schlägt sich im Gehalt nieder. Die Vergütung ist nicht schlecht, außerdem gibt es Auslands- und Wochenendzulagen und die Lebenshaltungskosten gehen gegen Null. Wenn man zehn Jahre dort gearbeitet hat, hat man sich eine goldene Nase verdient.

Wie viele Deutsche arbeiten für Bilfinger Berger in Abuja?

Ich schätze 400, aber das schwankt. Im Moment gibt es wohl wieder einige neue Projekte.

Wie lange bleiben die Mitarbeiter im Durchschnitt in Nigeria?
Das kommt immer stark auf die persönlichen Verhältnisse an. Viele Angestellte haben ihre Familien mitgenommen. Die Kinder gehen dort in den Kindergarten oder in die Grundschule, das ist alles im Camp vorhanden. Bis die Kinder die Grundschule beendet haben, kann man mit der ganzen Familie ohne weiteres dort leben. Danach wird es schwerer, denn es gibt keine weiterführenden Schulen, so weit ich weiß.

Arbeiten in Nigeria auch planende Architekten oder sind nur Bauleiter vor Ort?
Es gibt dort auch eine Abteilung für die Ausführungsplanung, viele Pläne werden aber auch in Wiesbaden erstellt.

Wird in Nigeria anders gebaut als in Deutschland?
Jein, es ist nicht so, dass der europäische Baustil dort eins zu eins umgesetzt wird. Die Baukunst, die Ornamentik ist an das Land angepasst, aber das Know-how, die Terminplanung und der Ablauf, entsprechen dem in Deutschland. Die Nigerianer sind da eher langsam und bedächtig, ohne das brandmarken zu wollen.

Das bedeutet, Bilfinger Berger nimmt seine eigenen Arbeiter mit nach Nigeria?
Die ausführenden Arbeiter kommen aus Nigeria, aber die Vorarbeiter und Poliere sind Deutsche oder manchmal auch Engländer.

Wie haben Sie sich dort verständigt?
Bei Bauherrengesprächen auf englisch, wobei die Nigerianer auch kein Oxford-Englisch sprechen, die Grammatik muss nicht einwandfrei sein. Aber untereinander wird natürlich Deutsch gesprochen.

Und mit den Nigerianern auf der Baustelle?
Auch englisch.

Hatten Sie auch Kontakt zu Baubehörden?
Für Abuja existiert der Generalplan und danach wird alles gebaut. Ob es so etwas wie Baubehörden gibt, weiß ich gar nicht. Zu meiner Zeit, glaube ich zumindest, nicht. Das war dort alles lockerer als hier, aber inzwischen ist die Regierung dort auch ein wenig strenger geworden.

Das heißt, wenn man in Nigeria ein Grundstück kauft, kann man darauf bauen, was man will?
Das ist relativ. In Nigeria können es sich nur die Reichen leisten zu bauen, und die können, denke ich, machen was sie wollen. Die einfachen Arbeiter oder der Mittelstand wohnt bei weitem nicht so komfortabel wie irgendwelche Regierungsangestellten, und Abuja ist nichts anderes als eine Geschäfts- und Regierungsstadt. Man kann dort abends auch nicht weggehen. Es gibt dort keine Zentren, nichts wo man einkaufen gehen kann. Es gibt zwei, drei große Hotels am Platz, in denen man abends essen gehen kann, aber durch die Stadt bummeln, das geht nicht. Es gibt auch keinen alten Stadtkern, das älteste Haus in Abuja ist vielleicht 30 Jahre alt.

Wem würden Sie einen solchen Job empfehlen und wem eher abraten?
Ein bisschen Abenteuerlust gehört dazu. Jemand, der sensibel ist, sollte das lieber lassen. Man ist weit weg und die Kommunikation mit Freunden und Verwandten in Deutschland ist nicht immer einfach: Man erwischt nicht immer eine freie Telefonleitung, das Internet war - zumindest zu meiner Zeit - noch nicht so verfügbar und die Post dauert auch relativ lange. Man muss sich dort voll und ganz der Arbeit widmen und darf sich nicht hängen lassen.

Bilfinger Berger baut sehr viel in Nigeria, den Flughafen in Abuja, das Stadion…
Ja, Bilfinger Berger ist dort schon seit den 1960iger Jahren Haus- und Hofarchitekt. Sie haben früher schon viel in der damaligen Hauptstadt Lagos gebaut, auch viele Bauten für die Gas- und Ölgewinnung und Infrastrukturprojekte.

Können Sie sich vorstellen jetzt, als Architekt wieder in Nigeria zu arbeiten?
Ich könnte mir das vorstellen, wenn ich alleine wäre, dann würde ich das vielleicht machen. Aber mit Familie und vor allem mit Kind kann ich mir das nicht vorstellen.

Das heißt: Das Praktikum, als kurzfristige Erfahrung, war toll, aber längerfristig möchten Sie dort nicht arbeiten?
Jein. Das Praktikum war toll und es war eine Lebenserfahrung. Man erweitert ungemein seinen Horizont, generell im Ausland, aber in so einem Land noch mal einen Tick mehr. Es treffen dort zwei unterschiedliche Kulturen aufeinander, in jeder Beziehung, und man wird mit ganz anderen Situationen konfrontiert wie in Deutschland. Beispielsweise wurde unser Bus bei einem Ausflug von Polizisten angehalten. Das ist eigentlich sehr ungewöhnlich, da wir als Mitarbeiter von Bilfinger Berger normalerweise überall hinkommen. Die wollten uns aber nicht weiter fahren lassen. Die Polizisten waren schwer bewaffnet und irgendwann schoss einer in die Luft. Da habe ich schon gedacht: Wenn der jetzt durchdreht, dann war es das. Letztendlich wollten sie bestochen werden. Mein Hinflug war auch ein prägendes Erlebnis: Ich bin von Deutschland nach Lagos geflogen und musste von dort mit einer nigerianischen Maschine bis Abuja weiter fliegen. Das Flugzeug war so klapprig und marode, das hätte in Deutschland auf keinem Flughafen landen dürfen. Ich war wirklich froh, als ich wieder unten war, heil unten war. Als Resümee würde ich sagen: Fürs Studium sowie fürs Leben war es absolut gut. Ein zweites Mal würde ich aber nur noch aus Geldgründen nach Nigeria gehen, nicht weil mir das Land so gut gefallen hat.