23. September 2015

Flüchtlinge im Fokus - Kammerpräsident fordert neuen programmatischen Wohnungsbau anlässlich des politischen Sommerfestes 2015

"Menschen brauchen Wohnungen, keine Container", mit diesem Satz fasste Präsident Reker anlässlich des vierten politischen Sommerfestes der Architektenkammer den Hintergrund seiner Forderung an die Landesregierung, Wohnungsbauförderung und Flüchtlingspolitik zusammen zu denken, zusammen.

Rund 300 Gäste waren in diesem Jahr zum Sommerfest der Kammer ins Zentrum Baukultur in den Mainzer Brückenturm gekommen - dem parallel stattfindendem Sportereignis und dem recht kühlen Spätsommerabend zum Trotz. Kammerpräsident Gerold Reker nahm die Gelegenheit wahr, vor den Gästen aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft, darunter Finanz- und Bauministerin Doris Ahnen und die Landtagsvizepräsidentin Barbara Schleicher-Rothmund, eine Neuausrichtung der Wohnungsbaupolitik vorzuschlagen.

„Menschen brauchen Wohnungen, keine Container“, so Reker. „Menschen, die zu uns kommen, bringen ihre Jugend, ihre Familien, ihr Potenzial, die Vielfalt ihrer Kulturen, aber auch ihre Verwundungen mit. Da braucht es mehr als nur Unterbringung, ja sogar mehr als nur Wohnungen. Es braucht intelligente stadträumliche Konzepte, um Ghettos vorzubeugen und Inklusion zu organisieren. Unsere Aufgabe ist es, neue Nachbarschaften möglich zu machen“.

Zeit für einen neuen programmatischen Wohnungsbau
Reker erinnerte an die wenige Wochen zurückliegenden Erfahrungen der Sommerfachreise mit Abgeordneten des rheinland-pfälzischen Landtages und der Bauministerin. So groß die unterschiedlichen Herausforderungen auf den stark ausdifferenzierten Wohnungsmärkten im Land schon damals waren, innerbhalb kürzester Zeit haben sie sich vervielfacht. Schrumpfungstendenzen in den ländlichen Regionen und ein sehr angespannter Markt mit einem großen Bedarf an bezahlbarem Wohnraum in den Schwarmstädten waren schon bekannt, nun kommen gleichzeitig ein enormer Bedarf an Obdach für die Erstaufnahme sowie an Wohnraum für die mittel- und langfristige Integration derjenigen, die als anerkannte Asylbewerber  dauerhaft bleiben werden, hinzu.
 
Doch Reker erinnerte auch an Zeiten des programmatischen Wohnungsbaus in der Vergangenheit. Sie wurden von Zuwanderungswellen und gesellschaftlichen Umbrüchen angestoßen und haben positiv zur Entwicklung der Städte beigetragen: Die Gründerzeit im ausgehenden 19. Jahrhundert ebenso wie die Wohnungsbauprogramme der 1920er und 1950er Jahre. Er rief die Festrednerin des Abends, Finanz- und Bauministerin Doris Ahnen, dazu auf „Mittel der Wohnungsbauförderung und des Flüchtlingsprogramms zusammen zu verwenden. Die so entstehenden Wohnungen sollten allen kostensensiblen Nutzergruppen offenstehen, Zuwanderern wie Einheimischen“.

Doris Ahnen nahm den Ball auf. Sie verwies zunächst auf die gemeinsamen Projekte, die das Land zusammen mit der Architektenkammer durchführt. Der Kammer attestierte sie: „Sie leisten einen Beitrag zur Förderung einer nachhaltigen, qualitätsvollen Entwicklung der gebauten Lebens- und Siedlungsräume und sind wichtiger Bestandteil einer aktiven Wirtschafts- und Strukturpolitik.“ Mit der Architektenkammer wolle sie, so die Ministerin, einen Mehrwert für die Menschen in unserem Land erarbeiten und einen konkreten Beitrag für die ökonomische, ökologische und soziale Entwicklung von Rheinland-Pfalz leisten.

Lösungskompetenz berufsständischer Selbstverwaltung
Die Landtagsvizepräsidentin Barbara Schleicher-Rothmund hatte zuvor in ihrer Rede an die gesellschaftliche Funktion der Kammern erinnert. Sie gab sich zuversichtlich, dass das Instrument der berufsständischen Selbstverwaltung gerade in den Freien Berufen geeignet sei, Zukunftsfragen zu bewältigen und sagte Unterstützung des Parlamentes bei der Sicherung adäquater Rahmenbedingungen zu.
 
Sie nahm damit einen anderen Anstoß aus Rekers Rede auf, der neben den drängenden Fragen der Wohnraumversorgung auch die Beibehaltung besonderer Vergabevorschriften für planerische Leistungen und die Verteidigung der HOAI im gegen die Bundesrepublik anhängigen Vertragsverletzungsverfahren seitens der EU-Kommission angemahnt hatte.
 
Die drei kurzen Ansprachen lieferten reichlich ernsten Gesprächsstoff, dennoch fand man im Lauf des Abends auch zum lockeren Austausch mit viel guter Laune und dem Fazit, dass gemeinsames Handeln nötig sei. Gespräche mit dem Ministerium, wie schnelle Ansätze für neuen Wohnraum zu finden seien, sind inzwischen angelaufen.