06. Juli 2009

Im Zeichen der Baukultur

Bundesauftakt zum Tag der Architektur 2009 fand im Hambacher Schloss statt. Ganz im Zeichen der Baukultur präsentierte sich das Hambacher Schloss bei Neustadt aus Anlass es Bundesauftaktes zum Tag der Architektur 2009. Rund 200 Gäste waren in die Pfalz gekommen, um den fünfzehnten "Tag der Architektur" feierlich zu eröffnen.

Seit einigen Jahren findet die Bundesauftaktveranstaltung immer in einem anderen Bundesland statt. Pünktlich zum fünfzehnten Tag der Architektur kehrte sie dorthin zurück, wo die mit weitem Abstand populärste Veranstaltung zur zeitgenössischen Architektur ihren Ausgangspunkt hatte - in den deutschen Südwesten. Rheinland-Pfalz, Hessen, das Saarland und Thüringen hatten nämlich 1995 zum ersten Mal den Versuch unternommen, interessierte Bürgerinnen und Bürger auf "architektouren" einzuladen. Mit steigendem Erfolg, wie sich zeigte. Aus dem „Tag der Architektur“ ist inzwischen im Wortsinn eine Bürgerbewegung für zeitgenössisches Bauen geworden.

Austragungsort des Auftaktes war in diesem Jahr das Hambacher Schloss im rheinland-pfälzischen Neustadt an der Weinstraße. „Zeichen setzen“, so das Veranstaltungsmotto 2009, sollten die rund 1.800 Wohnhäuser, Gärten, Schulen und Betriebsgebäude an 800 Orten, die am letzten Juniwochendende wieder in ganz Deutschland geöffnet waren.

Die gute Stimmung des Bundesauftaktes und der anschließenden architektouren wurde auch nicht durch die vereinzelte Kritik, die sich ein bundesweit vollkommen einheitliches Erscheinungsbild und Veranstaltungsprogramm wünschte, getrübt. Denn wen stört die - positiv formuliert - Vielfalt der Programme? Wem fällt sie überhaupt auf? Dem Fachjournalisten, der in den Wochen vor dem "Tag der Architektur" nach und nach sechzehn Programme bekommt, sicherlich. Jedes fordert Aufmerksamkeit, jedes ist anders, hat unterschiedliche Schwerpunkte. Diejenigen, die jedes Landesprogramm aber in erster Linie ansprechen will, die architekturinteressierten Menschen von Husum bis Garmisch-Partenkirchen, zwischen Aachen und Zwickau, haben meist nur ein Programm in Händen, das ihres Bundeslandes, oft kennen sie es aus den vergangenen Jahren, freuen sich darauf und tun das, wozu der Tag der Architektur sie einlädt: Sie fahren hin.

Rund 143.000 Menschen waren es 2008. Die aktuellen Zahlen für 2009 liegen noch nicht vor, jedoch steht fest: Es dürften kaum weniger gewesen sein. Wer da von Berlin aus mit spitzem Stift vorrechnet, das seien bei 706 teilnehmenden Städten und Gemeinden gerade mal "entlarvende" 202 Menschen pro Kommune gewesen, verkennt die Bedeutung von 202 architekturinteressierten Besuchern in Orten wie Anhausen (Westerwald, 1204 erstmals urkundlich erwähnt, zwei Gatstätten, eine Weinstube und rund 1.400 Einwohner), Uedem (Kreis Kleve, 8.457 Einwohner) oder Theeßen (Stadt Möckern, Kreis Jerichower Land, 494 Einwohner). Er verkennt auch, dass zwei-, drei- oder gar sechshundert Besucher in einem Einfamilienhaus an einem einzigen Wochendende den Statistiker freuen, dem Architekten und den Bauherren aber einiges abverlangen. Wer sein Haus diesem Ansturm öffnet, völlig fremden Menschen auf Bustouren, mit Führungen oder auf individueller Tour seine Pirvaträume öffnet, ihren Fragen zusammen mit dem Architekten Rede und Antwort steht, hat viel zu tun. Und das nur, weil er stolz ist auf das schöne Haus, das er zusammen mit seinem Architekten gebaut hat und in dem er sich mit seinen Lieben wohlfühlt. Da freut er sich sicherlich über die vielen Besucher, ist am Ende wohl ziemlich erschlagen, genießt auch den Erfolg und die Anerkennung, braucht aber schwerlich noch mehr davon. Inzwischen gibt es sogar Mutige, die selbst auf der Suche nach "ihrem" Architekten das Angebot des "Tages der Architektur" genutzt haben und zwei, drei oder vier Jahre später nun ihrerseits gerne Gastgeber sind. Sie wissen genau, worauf sie sich einlassen und sie tun es trotzdem oder gerade deshalb. Eine eindruckvollere Bestätigung fürs Bauen mit dem Architekten kann es kaum geben. Wenn die eine oder andere Schulturnhalle weniger gut besucht war als der Durchschnitt beim "Tag der Architektur" - oder die Moritzburg beim Tag des offenen Denkmals - ist das zwar schade, tut dem gewachsenen Interesse an Baukultur aber keinen Abbruch.

Trotzdem stimmt es: Moderne Architektur ist nicht so süffig vermittelbar wie das zeitgenössische Bauen von 1785, bis zum "Tag des offenen Denkmals" gibt es einen gehörigen Abstand. Leicht könnte man es sich mit dem Argument machen, da gehe es dem Bauen wie der Musik - Mozart geht, Atonales nicht -, der bildenden Kunst - für Impressionisten steht man gerne busweise Schlange, Gegenwärtiges bleibt weitgehend eine closed-shop-Veranstaltung - oder der Literatur. Das hilft aber nichts. Wer mehr will - mehr Gäste bei den architektouren, mehr intelligente, kritische Fragen bei den oft mühsamen Bürgerbeteiligungsverfahren, mehr Engagement, Mut und Vertrauen für und in zeitgenössisches Bauen -, kurz: mehr Baukultur, der wird den Diskurs engagiert, respektvoll und beständig über Fachzeitschriften, Verbände und Stiftungen hinaus tragen müssen. Genau das tut der Tag der Architektur - seit 15 Jahren.

Der rheinland-pfälzische Finanz- und Bauminister Professor Dr. Ingolf Deubel bemerkte dazu in seinem Statement „Baukultur ist Teil unserer regionalen Kultur mit hoher gesellschaftlicher, ökonomischer und ökologischer Ausstrahlung.“ Sie vermittelt sich, so der Minister, durch gute Beispiele, Vernetzung und Kommunikation. Rheinland-Pfalz hat aus diesem Grund vor mehr als sechs Jahren mit dem „...Dialog Baukultur ein Netzwerk geschaffen, das inzwischen zu einem innovativen Instrument zur Profilierung und Entwicklung unseres Landes wurde.“ Veranstaltungen wie den Tag der Architektur nannte er zeichenhaft für in diesem Sinne fruchtbare Dialoge.

Für die attraktive Verbindung der neuen Architektur, die sich im besten Sinne dem „Weiterbauen“ eines seit Jahrhunderten immer wieder neu und umgestalteten Ortes widmete, und seiner spannenden politischen Geschichte sprechen auch mehr als 40.000 zahlende Besucher, die in den wenigen Monaten seit Wiedereröffnung der neuen Dauerausstellung im November 2008 zum Hambacher Schloss gekommen sind. Landrätin Sabine Röhl vom Vorstand der Stiftung Hambacher Schloss zeigte sich in ihrer Begrüßung sehr zufrieden darüber.

Das Lob nahm Professor Arno Schmid, Präsident der Bundesarchitektenkammer, gerne auf und schlug in seinem Beitrag den großen politischen Bogen: „An diesem historischen Ort wurden vor 177 Jahren erste Zeichen gesetzt, Zeichen für mehr Freiheit, Zeichen für Demokratie, Zeichen für die Rechte des Einzelnen. An diesem historischen Ort feiern wir heute, im Jahre 2009 - 160 Jahre nach der Paulskirche, 60 Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik, und 20 Jahre nach der friedlichen Vereinigung dieser beiden deutschen Staaten - unter dem Motto ‚Zeichen setzen’ den traditionellen Bundesauftakt zum Tag der Architektur.“

Der Schweizer Architekt Max Dudler mit Büros in Berlin, Frankfurt und Zürich arbeitet seit 2006 am Schloss: Fertig gestellt sind die Umgestaltung des Inneren mit Fest- und Siebenpfeiffersaal, der barrierefreie Zugang und die Neukonzeption der Dauerausstellung. Im Umfeld des Schlosses entstehen nun noch ein Empfangs- und Informationszentrum sowie eine neue Gastronomie. Auch die Neugestaltung der Außenanlagen ist geplant. Er stellte im Gespräch mit Dr. Karl Böhmer seine Intention zur Weiterentwicklung des Schlosses als Zeichen für Demokratie und Baukultur vor.

Ohne eine große Zahl von Bauherren und Nutzern, darauf machte Stefan Musil, Präsident der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, aufmerksam, sei ein Ereignis wie der Tag der Architektur nicht möglich. Für ihre Bereitschaft, zunächst in die architektonische Qualität ihres Projektes zu investieren, dann Gäste zu empfangen und Einblick zu gewähren, gebühre ihnen Dank, so Musil weiter - und natürlich den Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplanern, die allen Rede und Antwort stehen. Gerade öffentliche Bauherren wie Bund, Länder und Kommunen sind aufgefordert, beim täglichen Bauen im Sinne der Nachhaltigkeit für Bauqualität und Baukultur zu sorgen

Die Reden:

  • Prof. Dr. Ingolf Deubel, Minister der Finanzen des Landes Rheinland-Pfalz. MEHR...
  • Prof. Arno Schmid, Präsident der Bundesarchitektenkammer. MEHR...
  • Stefan Musil, Präsident Architektenkammer Rheinland-Pfalz. MEHR...

Weitere Informationen:

Architektenkammer Rheinland-Pfalz
Annette Müller
Postfach 1150,
55001 Mainz
Telefon 06131/99 60-22
Fax 06131/99 60-62
E-Mail: mueller@akrp.de

Ausführliche Informationen zum bundesweiten Tag der Architektur. MEHR...

Bildmaterial von der aktuellen Bauphase finden Sie zum kostenlosen Download in unserer Bilddatenbank unter dem Stichwort „Hambacher Schloss“.