02. Oktober 2017

"Die Denkmalpflege hat ein Gesicht, das lächeln kann."

Treppenhaus im Christine-Bourbeck-Haus
Das skulpturale Treppenhaus im Evangelischen Predigerseminar ist üblichweise nicht öffentlich zugänglich.
Foto: Markus Scholz, Halle

Die Lutherstadt Wittenberg war der perfekte Ort im Jahr des Reformationsjubiläums eine Art "Best of" der Veranstaltungsreihe "Reformation und Architektur" als abschließendes Highlight anzubieten. In Kooperation mit der Architektenkammer Sachsen-Anhalt wurde ein neues Programm zusammengestellt, das Inhalte der Reihe mit Projekten der Luthergedenkstätten verknüpfte.

Im Malsaal der Cranach-Stiftung ging es am 16. September 2017 um reformatorische Impulse und Ideen, die bis heute in Architektur und Stadtentwicklung wirksam sind. Dazu erhielten die Teilnehmer Einblicke in die Revitalisierung des denkmalgeschützten Baubestandes und ihrer radikal modernen Ergänzungsbauten der heutigen Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt.

Das gemeinsame Symposium ist ein wichtiger Baustein in der Standortbestimmung, ob und wie sich Architekten aller Fachrichtungen in ihren interdisziplinären Denkansätzen gesellschaftlich relevanten Themen widmen und in den Diskurs einbringen können. Als wichtiger Versuch, die Interdisziplinarität über die der Architektenschaft auszudehnen, waren die Vorträge und Diskussionen mit Theologen, Politikwissenschaftlern, Juristen, Politikern, Historikern, Denkmalpflegern und natürlich praktizierenden Architekten und Landschaftsarchitekten weit mehr als eine Auseinandersetzung mit Fragen zu Architektur und Religion. All das mit dem Fazit: Wer tragende zukunftsfähige Antworten finden will, muss die richtigen Fragen stellen. Diese zu formulieren, ist ein wichtiger gesellschaftspolitischer Prozess, dessen Gestaltung unter Mitwirkung des Berufsstandes eine Zukunftsaufgabe ist.

Nachdem Prof. Axel Teichert, Präsident der Architektenkammer Sachsen-Anhalt, und Dr. Stefan Rhein, Vorstand und Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, begrüßt und eingeführt hatten, zog der Ideengeber des Veranstaltungsformates "Reformation und Architektur" Herman-Josef Ehrenberg, Vorstandsmitglied der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, ein persönliches Resümee. Für den Landschaftsarchitekten war die letzte der vier Veranstaltungen "Öffentlicher Raum" 2015 in Worms und die Fragestellung "Gibt es Religion im öffentlichen Raum?" der Höhepunkt der Reihe.

Bauen im Bestand ist wie Scrabble für Architektur, die einzelnen Fragmente neu zusammenzusetzen, so dass sie einen neuen Sinn ergeben.

 

Weiter im Programm ging es mit dem gerade eröffneten Evangelischen Predigerseminar in der Lutherstadt Wittenberg unter dem Titel "Wort und Raum". Architekt Prof. José Gutierrez Marquez, von Bruno Fioretti Marquez Architekten Berlin, verzichtete bei seinem Vortrag ganz auf Fotos, da der Architekt auch Storyteller sein müsse. "Wir hatten mit unserer Architektur Erfolgt, wenn man noch nach 50 Jahren sagen kann, der Raum ist unvergesslich", so Maquez. "Bauen im Bestand ist wie Scrabble für Architektur, die einzelnen Fragmente neu zusammenzusetzen, so dass sie einen neuen Sinn ergeben", erläuterte der Architekt weiter. "Sie sehen ein glückliche Direktorin", eröffnete Bauherrin Dr. Hanna Kasparick, Direktorin des Predigerseminares ihren Beitrag. "Die Architektur des Predigerseminares zwingt einen dazu, genau hinzusehen. Das Spiel der Kuben und die Ausblicke in die Landschaft sind Anleitung zur Wahrnehmung". 

Bei ihrem Vortrag „Heilender Raum – „Heil und Heilung“ - Die diakonische Anstalt als Gottesstadt“ sprach Dr. Ulrike Winkler, Historikerin und Politikwissenschaftlerin aus Trier, auch über das Diakonissenhaus Neuvandsburg in Elbingerode in Sachsen-Anhalt von 1932, das sich ganz dem neuen Bauen verpflichtet hatte. Glaube und Technik gingen hier ein Bündnis ein, so dass ein Schwimmbad direkt unter dem Kirchenraum untergebracht wurde.

Prof. Ralf Niebergall, Ehrenpräsident der Architektenkammer Sachsen-Anhalt, konzentrierte sich bei seinem Beitrag „Bildender Raum – Geschichte(n) erzählen“ auf die Luthergedenkstätten in Wittenberg, Eisleben und Mansfeld, alle ergänzt durch sensible Erweiterungsbauten in der Tradition der Moderne. Die museumspädagogischen Konzepte der Häuser gehen dort ganz neue Wege und stellen vor allem Nähe zu den jungen Besuchern her.

Über „Öffentlicher Raum – Kirche und religiöse Bauten im Öffentlichen Baurecht“ sprach Prof. Dr. Ansgar Hense, Direktor des Instituts für Staatskirchenrecht der Diözesen Deutschlands in Bonn . Mit dem Veranstaltungsort befinde man sich innerhalb der neuen Länder in dem am stärksten säkularisierten Gebiet der Welt. Das Profanieren von Kirchen stelle im Öffentlichen Baurecht kein Problem dar, wobei das Bauen für die Ausübung der Religionsfreiheit mittlerweile ein verfassungsrechtliches Thema geworden sei.

Die abschließende Gesprächsrunde, moderiert von Cornelia Heller, führte Protagonisten aus der Region zusammen. Die Teilnehmer waren Tilman Dorn, Baupfleger Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen, Regine Hartkopf, Dombaumeisterin Sachsen-Anhalt, und Dr. Ulrike Wendland, Landeskonservatorin, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Allen war die Begeisterung und der Stolz auf das baukulturelle Erbe des Landes und dessen geglückte Revitalisierung anzumerken. „Die Denkmalpflege hat ein Gesicht, das lächeln kann“, freute sich Dr. Wendland. Mit in der Runde, Gerold Reker, Präsident der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, der die Veranstaltungsreihe „Reformation und Architektur“ im Rückblick positiv bewertet. Der „Blick über den Tellerrand“ und der interdisziplinäre Ansatz waren überregional beachtet worden.

Die Architektur des Predigerseminares zwingt einen dazu, genau hinzusehen. Das Spiel der Kuben und die Ausblicke in die Landschaft sind Anleitung zur Wahrnehmung.

 

Beeindruckt zeigten sich die Gäste aus Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Sachsen-Anhalt über die städtebauliche Entwicklung der Lutherstadt Wittenberg, konkret von den besuchten Bauten in einer vorgeschalteten kleinen Architekturexkursion durch Lutherhaus und Augusteum, Melanchthonhaus mit Garten, Schloss und Schlosskirche. Übereinstimmend wurde festgestellt, dass die Verbindung von UNESCO-Welterbe, dessen Transkription in das Heute und die zeitgenössische Architektursprache ihrer Ergänzungen in Dichte und Qualität ihresgleichen sucht.