20. Oktober 2011

"Es war eine unglaubliche Bereicherung und es hat viel Spaß gemacht."

Arbeitserfahrungen rheinland-pfälzischer Architekten und Absolventen im Ausland aber auch in benachbarten Berufsfeldern stehen im Mittelpunkt einer kleinen Interviewreihe. In diesem Interview berichtet Anne Scheffels über ihre Erfahrungen als Architektin in den USA.

Frau Scheffels, Sie haben neun Jahre in Los Angeles gelebt und gearbeitet. Was hat Sie nach Kalifornien geführt?
Andere Länder und Kulturen interessieren mich. Nach meinem Architekturstudium an der FH Mainz wollte ich ins englischsprachige Ausland. Ich habe mich für ein Fulbright-Stipendium beworben und tatsächlich ein Jahresstipendium für eine amerikanische Hochschule bekommen, an der ich dann auch meinen Abschluss als Master gemacht habe.

Welche Voraussetzungen mussten Sie für das Stipendium erfüllen?
Grundvoraussetzung sind gewisse fachliche und soziale Kompetenzen. Man bewirbt sich schriftlich, in mehrseitigen Ausführungen, in denen man erläutert, warum man in den USA studieren will und was man sich davon erhofft. Man erstellt ein Programm, was man in diesem Jahr studieren möchte und welche Schwerpunkte man sich setzt. Wenn man dann das schriftliche Auswahlverfahren erfolgreich durchlaufen hat, wird man zu einem Interview eingeladen. Ausgewählt wird dabei nicht nur nach fachlichen Qualifikationen, sondern das Stipendium wird vor allem an Studenten und Absolventen vergeben, in denen die Jury Führungsqualitäten sieht und von denen sie sich einen Gewinn für Amerika im binationalen Austausch verspricht.

 

 

Das Gespräch wurde auf Englisch geführt?
Auf Englisch und auf Deutsch. Die Jury war mit Deutschen und Amerikanern besetzt. Englische Sprachkenntnisse werden außerdem mit Bestehen des TOEFL-Tests nachgewiesen, darüber hinaus muss man den GRE-Test absolvieren, ein standardisierter Aufnahmetest für US-amerikanische Universitäten.

Das klingt nach einem großen Aufwand. Hat der sich gelohnt?
Das war eine sehr gute Möglichkeit, an einer amerikanischen Universität zu studieren.

War das Studium in L.A. anders als hier?
Es war komplett anders. Das Southern California Institute of Architecture, genannt SCI-Arc, ist ein Architektur-Institut mit dem Schwerpunkt Konzeption und Design. Eine sehr ungewöhnliche Hochschule auch für amerikanische Verhältnisse, vielleicht vergleichbar mit der AA in London.

War das Arbeiten in den USA anders als in Deutschland?
Ich habe es dort als freier empfunden. Und die Amerikaner legen viel Wert darauf, dass man Spaß bei der Arbeit hat. Dafür hat man weniger Urlaub.

In welcher Weise freier: Gibt es weniger einschränkende Normen oder arbeiten Architekten dort kreativer?
Der Architekt gibt schneller Verantwortung an die ausführenden Firmen ab, so dass er sich mehr auf das Entwerfen konzentrieren kann.

Und die Amerikaner haben weniger Urlaub?
Als Berufseinsteiger erhält man dort zum Teil nur fünf Tage. Natürlich kommen noch Feiertage hinzu und man hat auch einige Krankentage, die teilweise als Urlaubstage genutzt werden können, vorausgesetzt man war nicht krank. Senior Architekten haben dann circa 14 Tage Urlaub im Jahr oder nach individueller Vereinbarung. Mir als Europäerin waren zehn Tage nie genug. Ich habe teilweise nach mehr Urlaub gefragt und den auch bekommen, oder ich habe vor- bzw. nachgearbeitet und so Stunden akkumuliert.

Wie ist die Bürostruktur in den USA, sind die Büros generell größer als in Deutschland?
Es gibt sehr viele sehr große Büros, es gibt auch viele kleinere. Ein kleineres Büro hat aber immer noch bis zu 25 Mitarbeiter. Und es gibt viele große, weltweit agierende Büros, mit zahlreichen Zweigstellen und hunderten Beschäftigten allein in L.A. Die Büros haben extra Abteilungen, die nur Flughäfen bauen, oder nur Kinos, Abteilungen für Innenarchitektur, für Pressearbeit, für Grafik, usw. Beispielsweise Gensler oder HOK sind solche Büros. Diese Bürostruktur haben aber auch kleinere Büros übernommen. Ich habe einige Zeit in einem Designbüro gearbeitet, das weltweit elf Zweigstellen hatte, in denen aber nur jeweils etwa zwanzig Mitarbeiter gab. Der Vorteil solcher Strukturen ist, dass man dann über ein größeres Netzwerk an Mitarbeitern verfügt, sowie Zugriff auf ein breiteres Spektrum an bereits erarbeiteten Problemlösungen hat.

Ist es schwierig in den USA einen Job als Architekt zu bekommen?
Zu dem Zeitpunkt war die Marktlage in Los Angeles recht gut, wobei ich das nicht flächendeckend auf die ganze USA übertragen würde. Die Metropolenregion von L.A. hat 18 Mio. Einwohner, es gibt sehr viel Platz, sehr viel Geld, interessante Klienten und sehr starke internationale Beziehungen. Viele Planungen, die dort gemacht werden, sind für ein internationales Klientel.

Haben sich die internationale Währungs- und die Immobilienkrise in den USA stark auf den Arbeitsmarkt ausgewirkt?
Sehr stark. Besonders Büros mit großen, internationalen Projekten haben die Auswirkungen zu spüren bekommen. Manche Büros haben ihre Mitarbeiterzahl halbiert. Am wenigsten waren Büros betroffen, die kleinere Projekte im privaten oder akademisch-institutionellen Sektor bearbeiten.

Ist die Lage inzwischen wieder besser?
Viele Büros sind geschrumpft, haben sich eventuell auch gesund geschrumpft. Aber auch in der Zeit der Entlassungen wurden immer wieder Mitarbeiter für bestimmte Positionen, oder mit besonderen Kenntnissen gesucht, oder solche, die neue Inspiration ins Büro bringen. Die Büros haben die Krise zum Teil genutzt um sich neu zu definieren. Viele Architekten haben die Gelegenheit ergriffen, sich zu Schnittstellen der Architektur umzuorientieren, zum Teil auch Dinge zu machen, die sie schon immer machen wollten. Es gab junge Architekten, die kurzfrstig einen Limonaden-Stand aufgemacht oder T-Shirts bedruckt haben.

Sie haben gesagt, auch in der Krise wurden immer wieder neue Mitarbeiter gesucht, die neue Ideen in ein Büro bringen. Was können deutsche Architekten in diesem Sinne amerikanischen Büros bieten?
Deutsche Architekten sind gefragt aufgrund ihrer Zuverlässigkeit, ihrer Genauigkeit und ihrer technisch-konstruktiven Ausbildung. Man muss aber auch eine gewisse Flexibilität mitbringen und umschalten können auf den amerikanischen Markt.

… in Bezug auf die Arbeitsweise oder die Architektursprache?
Beides. Ich habe den amerikanischen Markt als schnelllebiger und serviceorientierter empfunden, und besonders an der Westküste gibt es eine größere Bandbreite architektonischer Ausdrucksformen. Es gibt viele visionäre und illusionäre Ideen, die die Architekturdiskussion anregen. Ich denke aber auch, dass deutsche Architektur, so wie sie ist, bereits ein Exportschlager sein kann. Die Qualität der Ausführung in den USA ist oft nicht so hoch wie hier. In Europa sind die Standards, auch bedingt durch die klimatischen Bedingungen, höher. Deutsche Architekten könnten meiner Meinung nach insgesamt ihre Kompetenz im Umweltschutz und in der Technik weltweit besser vermarkten. Eine Möglichkeit wäre, Länder und Städte oder Büros über zukunftsweisende, innovative Techniken zu beraten und die Ausführung zu begleiten.

Also deutsche Büros, die in den Staaten eine Zweigstelle eröffnen?
Das kann ich mir gut vorstellen. Ich denke, das gilt sogar weltweit. Ich glaube, dass sich deutsche Qualität gut exportieren lässt und dass Deutschland viele innovative Techniken erarbeitet, aber dann davor zurückschreckt, diese auch weltweit anzubieten.

Nach neun Jahren sind Sie jetzt nach Deutschland zurückgekehrt. Ist der große amerikanische Traum irgendwann einfach ausgeträumt?
Bei mir war es eine Mischung aus den Folgen der Wirtschaftskrise und familiären Gründen, die zu dieser Entscheidung geführt haben. Die Frage, ob man nicht doch wieder zurück gehen will, stellt sich wohl jeder, der im Ausland lebt. Bei mir war die kritische Masse nun erreicht. Ich habe Los Angeles durchaus mit schwerem Herzen verlassen, freue mich nun aber auch, wieder hier zu sein.

Wenn Sie jetzt zurückblicken, würden Sie es dann nach einmal genauso machen und nach dem Studium in die USA gehen?
Die Jahre in L.A. waren eine unglaubliche Bereicherung, es hat unglaublich viel Spaß gemacht und es war sehr, sehr spannend. Das wollte ich nicht missen. Es gab durchaus auch Momente, die sehr schwierig waren. Ich würde es aber auf jeden Fall wieder machen.

Vielen Dank für das Gespräch und einen guten Start in Deutschland.

Das Interview führte Kerstin Mindermann, Mitarbeiterin der Architektenkammer und Freie Journalistin