29. August 2018

Vom Loch in der Wand...

Zum fünften Hambacher Architekturgespräch luden Architektenkammer und GDKE
am 23. August 2018 auf das Hambacher Schloss nach Neustadt ein. Das volle Haus bestätigte die Relevanz des Themas.

Auf der Bühne des Hambacher Schlosses fordert ein Aristoteleszitat das Publikum heraus. Der Direktor des Kunsthauses Bregenz setzt beim diesjährigen Hambacher Architekturgespräch hoch theoretisch an und reißt mit. Was die Philosophie des vierten vorchristlichen Jahrhunderts mit dem Thema des Abends zu tun hat, wird erst nach und nach klar. Sieben spannende Minuten lang bleiben alle Fäden im Vortrag von Thomas Trummer lose. Dann steht seine These im Raum: Erbe und Tradition, Zitat und Interpretation, Original und Kopie verschwimmen in der bildenden Kunst. Neuschöpfung und Dekonstruktion stehen mit gleichem Recht nebeneinander, denn ohnehin ist das Gleiche nie das Gleiche - 200 Gäste haben Aristoteles und Heisenberg beim Rendez-vous auf der Schlossbühne zugesehen und in der Unschärfe den Reiz neuer Erkenntnis entdeckt. Gelebtes Erbe als stetiger Prozess von Neu- und Umdeutung, Bruch und Kontinuität.

Bruch und Kontinuität sind zuvor auch Themen der Einführung von Kammerpräsident Gerold Reker. Er bezieht sich auf das europaweite Motto "Sharing Heritage" für das European Cultural Heritage Year: "Hier klingt eine Vielfalt mit, die natürlich auch die Frage nach Identität oder Identitäten im Plural stellt. Und wir denken unwillkürlich darüber nach, was diese Identität ausmacht. Wie sie sich zunächst als rein persönliche Dimension konstituiert, dann aber in der Summe auch als kollektive Wahrnehmung fassbar wird. Wie sie zwischen Materiellem und Immateriellem changierend an ein kulturelles, an ein baukulturelles Erbe, an Orte und Landschaften anknüpft, dem wir verpflichtet sind." Traditionsgemäß eröffnet hatte den Abend der stellvertretende Vorsitzende der Stiftung Hambacher Schloss, Landrat Ihlenfeld.

...zum Toleranzedikt der Denkmalpflege

Den Bogen von der Kunsttheorie zur Theorie des richtigen Umgangs mit historischer Bausubstanz schlägt Professor Jörg Haspel. Er fordert nichts weniger als ein "Toleranzedikt der Denkmalpflege". Die damit implizierten Bruchlinien eines grundsätzlichen Richtungsstreits verlaufen für ihn quer zur Scheidelinie der Fachdisziplinen von Architekten und Denkmalpflegern. Der Landeskonservator von Berlin und Präsident von ICOMOS Deutschland hatte zuvor in seinem Eingangsstatement zwei große Theoriestränge nachgezeichnet: die des Kontrastes und die des Kontextes: Gelebtes Erbe als neues Kapitel in einer langen Geschichte.

Seit der CIAM in Athen 1933, die für die Architekturtheorie des frühen 20. Jahrhunderts beinahe konstitutiv war, stand in diesem Strang der theoretischen Auseinandersetzung die Betonung des Kontrastes von Alt und Neu und der Ablesbarkeit im Vordergrund. Das unterschied die Architektenschaft nicht grundsätzlich von der Denkmalpflege. Ihre Protagonisten hatten schon 1931 ebenfalls in Athen in einer Konferenz der Restauratoren, zu der der Völkerbund eingeladen hatte, Ähnliches postuliert. Die Idee, so Haspel, wurde in der Charta von Venedig 1964 weitergetragen und findet noch im Wiener Memorandum zum zeitgenössischen Bauen im Welterbekontext von 2005 ihren Niederschlag.

Den zweiten, gegenläufigen Traditionsstrang sieht er im "gebundenen Kontrast" und in den Protagonisten Oesterlin und Döllgast über die Wiederaufbaubeispiele von St Martin in Kassel und St. Jacobi in Hamburg bis hin zur offenkundig fortgeführten Macht-, Repräsentations- und Pathosgeste der neuen Kuppel von Sir Norman Foster auf dem Berliner Reichstag. In diesem zweiten Strang findet Haspel das Ideal des "invisible architect", der mit subtilen Ergänzungen nicht auf Kontrast, sondern auf Heilung und Vervollständigung sinnt. Gelebtes Erbe als Fortschreiben und Forterzählen bekannter Motive und Geschichten.

Offenkundig liegt ihm das Zweite näher. Im Hambacher Schloss und seiner Sanierung sieht er nach einem 20. Jahrhundert, in dem die Idee des Kontrasts die Oberhand hatte, einen emblematischen Bau für ein neues Denken. Es orientiert sich am Ideal des Weiterbauenes und verfolgt das Ziel eines geschlossenen Ganzen - auch um den Preis, dass die Zeitschichten sich in einander verschränken und dem Betrachter Rätsel aufgeben. Der - so Haspel - darf sich ruhig ein bisschen Mühe machen mit dem Entdecken und Enträtseln - wenn das Ergebnis denn so gut ist, dass es dieser Mühe lohnt.

Architekten sind eigentlich für die Denkmalpflege total ungeeignet
Georg Gottfried Julius Dehio

Arno Lederer hat das eben eröffnete Historische Museum in Frankfurt und die lustvoll immer wieder variierte These Georg Dehios, dass "Architekten eigentlich für die Denkmalpflege total ungeeignet seien", nach Hambach mitgebracht. Für ihn indessen kein echter Grund, sich vor dem Bauen in historischer Umgebung zu fürchten. Im Gegenteil. Ob "richtig" oder nicht, will er als Maß der Beurteilung nicht gelten lassen. Seine Grundfrage an die eigene Leistung wie an die der Kollegen lautet: "Ist es gut?". Wobei sich das "gut" auf eine profunde Kenntnis von Maß und Mitte, Proportion und Farbenlehre, konstruktive Logik von Last und Stütze, schwer und leicht, Öffnung und Wand zu gründen hat.

Mit Haspel sucht er die Antipoden dieser Auffassung nicht unisono in der Denkmalpflege, noch die Unterstützer bei den Architekten, sondern beide quer durch die Berufsgruppen. Seinen Kronzeugen findet er in Schinkel, dem es nicht im Mindesten um historisch richtige Entscheidungen gegangen sei, sondern um ästhetisch richtige. Lederers Anliegen: die Geschichte interpretieren. Gelebtes Erbe als Neu- und Wiedererzählen. Sein Ziel ist die dichterische Wahrheit, der eine größere Wahrscheinlichkeit als der einfachen Wirklichkeit eingeschrieben sein kann, denn: "Lügen macht manchmal Spaß".

Zum Beispiel: Gau-Algesheim

Gunther Bayer vom Büro Bayer und Strobel führt mit dem kleinen, feinen Beispiel eines Gemeindesaals neben der Kirche St. Martin in Gau-Algesheim vor, was das junge Büro aus Kaiserslautern unter "Gelebtem Erbe" versteht. Sparsam in den Mitteln, handwerklich auf höchstem Niveau und dicht an den Bedürfnissen des Bauherrn gewinnt "gelebtes Erbe" in seinem Beitrag diesseits aller Theoriedebatten eine ebenso selbstverständliche wie authentische Dimension.

Bauaufnahme: Von der Sehschule zu Big Data und retour

Die anschließende Diskussionsrunde moderiert Dr. Tino Mager von der TU Delft. Seinen Blick auf deren zentrales Themenfeld, die Ausbildungsinhalte an den Architekturschulen und die Notwendigkeit, die verformungsgerechte Aufnahme eines historischen Baus im Pflichtkanon zu halten, offenbart er erst beim Wein zum anschließenden, informellen Teil des Abends. Mager forscht an einer „Gesichtserkennungssoftware“ für historische Bauten. Sein Programm, entwickelt anhand namenloser Backsteinbauten des 19. Jahrhunderts in den Niederlanden, wird bald schon mindestens so sicher inventarisieren können wie kenntnisreiche Denkmalpfleger oder Architekten. Ein großes Forschungsarchiv soll den Experten bald als Werkzeug zur Verfügung stehen. Sind die Daten erst einmal erfasst, können sie mit den Werkzeugen des Big Data durchforstet werden, um bisher verborgene Zusammenhänge zu finden. Die händische Bauaufnahme ist dafür zu langsam. Dennoch ist sie Tino Mager wichtig: Nicht mehr als Werkzeug der Inventarisierung, aber als Seh- und Sensitivitätsschule für die nachwachsenden Experten.

In der Diskussion geht es so weiter: charmant und scharfzüngig, pointiert, aber sympathisch sparte Lederer nicht mit Kritik. Weder der eigene Berufsstand, noch die Denkmalpflege oder die Lehre werden geschont. Im Gegenteil. Als einer dieser Jungen, will allerdings Gunther Bayer den in der Diskussionsrunde aufscheinenden Skeptizismus der aktuellen Ausbildungssituation gegenüber nicht teilen. Doch bei der Bedeutung einer soliden Vermittlung von Baugeschichte an den Hochschulen findet die Runde Einigkeit. Auch Thomas Metz, Generaldirektor der GDKE und Kammerpräsident Gerold Reker pflichten Haspel und Lederer bei.

Kulturtechnik ist keine Zahntechnik

Thomas Trummer, der im Kunsthaus Bregenz auch schon einmal eine große Schau für den Architekten Peter Zumthor ausgerichtet hat, verrät am Ende, warum er so gerne nach Hambach gekommen ist: Ihn hat ein bekanntes Abbild des Hambacher Schlosses aus dem 19. Jahrhundert fasziniert. Das Schloss wird darauf mit einem Loch dargestellt, ruinös. Genau dieses Loch hat es ihm angetan, denn Kulturtechnik ist keine Zahntechnik. Trummer will keine Löcher stopfen, sondern er will sie nutzen. Ihre Unschärfe, Irritation und die Provokation vieler Wahrheiten sorgen für die nötige Offenheit im Diskurs der Künste, zu denen auch die Architektur gehört. Durch das Loch kommt Licht in die Debatte.