14. August 2018

Anders ist normal | Politisches Sommerfest

Gut 300 Gäste aus Politik, Verwaltung, (Bau-)Wirtschaft und Kultur waren ins Zentrum Baukultur nach Mainz gekommen.
Foto: Kristina Schäfer, Mainz

Inklusion war das Schwerpunktthema des diesjährigen politischen Sommerfestes der Architektenkammer Rheinland-Pfalz. Gut 300 Gäste aus Politik, Verwaltung, (Bau-)Wirtschaft und Kultur waren ins Zentrum Baukultur nach Mainz gekommen.

Landtagspräsident Hendrik Hering und die Finanz- und Bauministerin Doris Ahnen, die beiden politischen Redner des Abends, betonten unisono in ihren Beiträgen die Bedeutung von Architektur und Baukultur für die Lebenswirklichkeit in Rheinland-Pfalz.

Hendrik Hering zog dabei die gedankliche Linie von gelungener Architektur zu baukulturell verankertem Identitätsempfinden und einer Wahrnehmung von Heimat, die ein tiefes menschliches Bedürfnis ist. Ein einziges gelungenes Projekt im Ortskern könne im Idealfall die Stimmung in einer ganzen Kommune verändern Hering rief die Architekten aller Fachrichtungen dazu auf, gemeinsam mit den Kommunen als Bauherren genau solche Projekte anzugehen. In der Stärkung des ländlichen Raumes sah er ein wichtiges gesellschaftliches Anliegen und eine große Aufgabe für die kommenden Jahre. Begriffe wie Heimat oder Identität dürfe man sich nicht von politischen Kräften entwinden lassen, die damit ganz andere, im Kern antidemokratische Positionen transportierten. So schlug er den Bogen zu Inklusion als dem Leitmotiv des Abends.

„Das ‘Zuhause‘ hat eine große Bedeutung für jeden von uns, ist entscheidend für die Lebensqualität und ein wichtiger Beitrag für die soziale Stabilität in der Gesellschaft. Wichtig sind umfassende, innovative Konzepte für das Bauen in den Städten und den ländlichen Regionen“, betonte Finanz- und Bauministerin Doris Ahnen in ihrer Rede. Darauf, wie ihr Haus gemeinsam mit der Kammer und in zahlreichen Initiativen und Bündnissen, durch Preise, Wettbewerbe und Förderprogramme bezahlbares Wohnen in den Ballungszentren und im ländlichen Raum fördert, musste sie dann nur kurz verweisen. Denn in und mit dem Zentrum Baukultur finden viele dieser Maßnahmen Raum: durch Informationsabende, Ausstellungen, Diskussionen und Preisverleihungen.

„Bei allen sich aufdrängenden gesellschaftlichen Fragen haben wir gemeinsam einen Anspruch an die Ästhetik: Wir freuen uns über gelungene Architektur, neue Ideen und besondere Konzepte, über attraktive Ortskerne und prägende Stadtbilder. Deswegen verstehen wir als Land es als unsere Aufgabe, die Baukultur in Rheinland-Pfalz weiter zu fördern“, so Ahnen weiter. „Ein wenig fühle ich mich hier auch zuhause“ – lobte sie die konstruktive Zusammenarbeit, die selbst dann funktioniere, wenn man unterschiedliche Positionen vertrete.

Das Finanzministerium und die Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz – ISB zählen mit der Architektenkammer Rheinland-Pfalz und ihrer Stiftung Baukultur Rheinland-Pfalz zu den Trägern des Zentrums.

„Natürlich bringen wir nicht überall Aufzüge unter – aber wir sollten lernen, dass wir einen guten Grund brauchen, um ausnahmsweise nicht barrierefrei zu bauen.“

Auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft

In seiner Eröffnung des Abends bezog sich Kammerpräsident Gerold Reker auf die wenige Wochen zuvor beim 18. Bauforum in Boppard vom ehemaligen Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, gestellte Frage, welche Planungen und Initiativen heute erforderlich seien „damit Menschen in Zukunft ihr Leben verantwortlich gestalten und ihren Beitrag zum gemeinsamen Leben leisten können?“ „Wir vom Bauen, wir Architektinnen und Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitektinnen und Stadtplaner, ganz besonders die öffentlichen Bauherren, aber auch die privaten und die Unternehmen haben auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft einiges beizutragen.“

Reker rief hierfür zu einem Perspektivwechsel auf. Inklusives Bauen dürfe nicht als lästige Pflicht verstanden werden, sondern müsse zum gelebten Planungsalltag werden. Dabei solle man nicht blauäugig sein, denn das Bauen werde – auch aufgrund zahlreicher Vorschriften – immer teurer. „Den Vorschriften liegen berechtigte Ansprüche zugrunde. Wir alle wissen aber auch, dass Vorschriften sich in Baukosten übersetzen lassen, Baukosten in Mietpreise und Mietpreise zur sozialen Frage werden.“ Hier gelte es, ein sensibles Gleichgewicht zu halten.

Mit Blick auf Kommunen wie Mainz, Landau oder Trier forderte er, dem (vermeintlichen) Zeitdruck nicht alles zu opfern, sondern qualitätssichernde Verfahren einzuziehen. „Wer wirkliche Stadtentwicklung will, muss bereit sein, sie zu planen.“ Er rief die Kommunen auf, die Kompetenz des Berufsstandes einzusetzen, denn „der Versuch, im freien Spiel der Kräfte eine Stadt für alle weiter-zubauen, kann allenfalls zufällig gelingen.“

Dass es bei inklusivem Planen nicht alleine um den Hochbau gehe, machte er am Beispiel des Nationalparks Hunsrück-Hochwald fest. „Das Land ist hier gemeinsam mit der Nationalpark-verwaltung und den beteiligten Gebietskörperschaften gefordert. Investitionen, die getätigt werden, müssen in vielfältiger Hinsicht wegweisend sein: nachhaltig, innovativ, inklusiv und schön.“ Und er forderte von den zuständigen Ressorts ein Verfahrenskonzept, wie man zu solcher Planung kommt.

Inklusiv Gestalten

Zwei Veranstaltungen widmen sich im Herbst dem Thema Inklusion. Beide wenden sich an Architekten aller Fachrichtungen und Tätigkeitsarten und Akteure in Politik, Verwaltung und Wohlfahrtspflege. Die Möglichkeiten inklusiver Gestaltung bei Neubau und Sanierung sowie der Erfahrungsaustausch stehen im Mittelpunkt. Beide Veranstaltungen sind kostenlos. Eine Anmeldung ist allerdings erforderlich.

12. September 2018, 15 – 18 Uhr, Kuppelsaal, Festung Ehrenbreitstein, Koblenz
Veranstalter: Sozialministerium RLP, Finanzministerium RLP, Landesbeauftragter für die Belange behinderter Menschen und Architektenkammer Rheinland-Pfal. MEHR

19. November 2018, 16 – 20 Uhr, Hochschule Kaiserslautern
Regionalkonferenz des Bundesbeauftragten für die Belange Behinderter und der Bundesarchitektenkammer in Kooperation mit der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, Sozialministerium RLP, Finanzministerium RLP und dem Landesbeauftragter für die Belange behinderter Menschen. MEHR