22. Januar 2007

Altlast Kirche - Die Kirche als Immobilie

Symposium zum Kirchenbau am 14. November 2006 in Vallendar: Koblenzer Baukolloquium des Fachbereichs Bauwesen an der Fachhochschule Koblenz am 14. November 2006 Pater-Kentenich-Haus auf Berg Schönstatt bei Vallendar. Der Tagungsbeitrag von Prof. Henner Herrmanns, FH Koblenz.

von Prof. Henner Herrmanns, FH Koblenz

Zeitungsmeldungen werfen ein Schlaglicht auf die aktuelle Problematik: „Kirchensterben - Deutschland schleift seine Gotteshäuser“ (FAZ) oder „Gott zieht aus“ (Die Zeit).

Das Immobilienmanagement der beiden großen christlichen Konfessionen denkt über Umnutzung, Verkauf bzw. Abriss ihrer kirchlichen Baubestände nach. St. Raphael in Berlin von Rudolf Schwarz, im Jahr 2005 abgerissen, oder St. Ursula in Hürth bei Köln von Gottfried Böhm, 2006 profaniert, sind zu einer Art Menetekel für das Schicksal von Kirchen geworden.

In den 90er Jahren hat die Unternehmensberatung McKinsey den Bistümern geraten sich um die dramatischen Haushaltsdefizite und die Reduzierung des Personalbestandes zu kümmern. Damit hat in der kapitalistischen Spätmoderne die Ökonomisierung auch in den Diözesen Einzug gehalten. Unter dem Entscheidungsdruck beschloss man, die pastoral genutzten Flächen abzubauen. Um den Abbau der Priesterstellen braucht die kath. Kirche sich nicht weiter zu kümmern. Ob nun die Schließung von Kirchen die richtige Sparpolitik ist, darüber lässt sich sicherlich streiten. Wenn die Kirche aufgrund von Wirtschaftlichkeitsberechnungen den durch die Architektur vermittelten kulturellen Vorsprung nicht berücksichtigt, wird damit auf die wirksamste - nämlich die dreidimensionale, räumliche und emotionale - Kommunikation verzichtet.

Leere Kassen - Leere Kirchen

Fakt ist natürlich, dass in unserer permissiven-agnostischen Zeit die Zahl der Kirchenmitglieder und Gottesdienstbesucher kontinuierlich zurückgegangen ist. Es gibt drei Probleme, die hierfür entscheidend sind: Aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit, der Überalterung der Gesellschaft und der Welle von Kirchenaustritten stehen weniger Mittel zur Verfügung. Durch diesen Rückgang der zahlenden Mitglieder haben die Einnahmen mittlerweile ein so niedriges Niveau erreicht, dass bereits das große Kirchensterben begonnen hat.

Die Kirchen wollen ihre Kirchen loswerden

Als Folge der Fusion der Gemeinden ist eine erhebliche Zahl von Kirchengebäuden überflüssig geworden, wodurch die Kirche vor dem Problem steht: Was soll mit diesen nunmehr unnützen Gebäuden geschehen? Sind Kirchen - bisher als prächtige, herrliche, großartige Architektur wahrgenommen - nur Immobilien? Die radikalen Kirchenschließungen wegen den dramatischen Einnahmeeinbrüchen Verblüffen. Kirchenschließung nach Kassenlage wie bei Kaufhäusern oder Kinos?

Die Verwertung von exotischen Immobilien, zu denen neben Kinos eben auch Kirchen zählen ist nicht unproblematisch. „Der Wert einer Kirche bemisst sich nach dem Grundstückswert minus Abrisskosten“ so Heinz-Peter Heidrich, Vorstandssprecher der Bank des Bistums Essen. Eine Prognose, die den ökonomischen Unfug erhellt, durch den erhofften Erlös einer Kirche den Haushalt zu sanieren. Außerdem: „Wenn Kulturgüter verhökert werden, um Haushalte zu sanieren, ist das mehr als unwürdig“. .Es scheint so zu sein, dass wir unsere kulturellen Werte, nur noch unter wirtschaftlichen Aspekten betrachten, was zu einem nicht wieder ersetzbaren Verlust von Kunstwerken führen wird.

Scheinbar trifft diese blamable Denkweise nicht nur auf die Kirchen zu. Der Bildersturm fegt über die gesamte Kulturlandschaft. Neben dem demografischen Wandel gibt es auch veränderte kulturelle Einstellungen. So plante die Stadt Krefeld noch vor kurzem den Verkauf des wertvollen Monet-Gemäldes „Houses of Parlament, Sunset“ aus dem Kaiser-Wilhelm-Museum zur Sanierung der städtischen Immobilien. Und in Baden-Württemberg sollen kostbare Handschriften aus der Landesbibliothek Karlsruhe verkauft werden, um mit dem erhofften Erlös das großherzogliche Haus Baden zu entschulden. Ist das der Untergang der abendländischen Kultur? Können wir das verhindern? Die Kirche will es jedenfalls anscheinend nicht verhindern.

Kultureller Ausverkauf von Kirchen - 12.000 Kirchen stehen kurz vor der Schließung

Einige Beispiele für leer geräumte und zum Abriss freigegebene Kirchen:

- Vertreter des Bistums Essen - allen voran Probst Hermann-Josef Bittern - fordern vehement und um jeden Preis den sofortigen Abriss der Marienkirche in Bochum, womit eine profane Neubebauung des Filetgrundstücks ermöglicht werden soll. Um das Gebäude dem Verfall preiszugeben, ließ der Probst die Verglasung der Kirchenfenster entfernen, so dass das Gebäude verfallen kann. Die Verantwortlichen leugnen nicht, dass der materielle Wert der kirchlichen Baugrundstücke im Vordergrund steht.

Auch bei Heilig Kreuz in Bottrop von Rudolf Schwarz darf die Kirche - ohne dass architekturgeschichtliche, künstlerische und liturgische Kriterien Berücksichtigung finden - allein entscheiden, was mit dieser wertvollen Architektur geschehen soll. Der Denkmalschutz hält sich zurück. Die Entscheidung welche Kirche aufgegeben wird, richtet sich nicht nach dem Wert der Architektur, sondern nach Lage und Erreichbarkeit der Kirche für die Gemeindemitglieder. Gerade den Bauten der Moderne, insbesondere der Nachkriegsmoderne der 50er bis 60er Jahre, stehen die Entscheidungsträger oft hilflos und überfordert gegenüber. Der Sakralbau nach 1945 schneidet bei einem „Aura-Vergleich“ zwangsläufig schlecht ab, zusätzlich dadurch gefördert, dass diese Kirchen nicht unter Denkmalschutz stehen.

Allmählich regt sich auch innerhalb der Kirche - wenn auch verhalten - erster Unmut über die Zerstörung und Säkularisation. So äußerst sich Dr. Gebhard Fürst, Bischof von Rottenburg-Stuttgart folgendermaßen: „Wenn wir Gotteshäuser abreißen, leisten wir einer Gesellschaft und einer Mentalität Vorschub, die nur noch nach materiellen Erwägungen handelt.“

Vom Unnützen zum Umnutzen

Eine Möglichkeit zur Erhaltung der Gebäude an sich ist die Umnutzung nicht mehr benötigter Kirchengebäude. Seit Jahrhunderten fand man für die prächtigen Sakralbauten einzelner Religionen Nachnutzungsmöglichkeiten.

  • So wurde aus dem Parthenontempel in Athen, erbaut 448 v. Chr., im 14. Jh. eine christliche. Kirche; unter osmanischer Herrschaft wurde er zur Moschee
  • Aus dem Pantheon in Rom, von Kaiser Hadrian 117 - 125 n. Chr. als heidnischer Tempel erbaut, wurde 608 die christliche Kirche Santa Maria Rotonda. Die Christen - sonst nicht zimperlich im Vernichten des Heidnischen - entschieden sich bei diesem Bau für die Bewahrung durch Aneignung.
  • Das Frigidarium der Thermen des Diokletian in Rom, von 298 - 305 n. Chr. erbaut, wurde 1563 - 1566 von Michelangelo zur Kirche Santa Maria degli Angeli umgebaut.
  • Aus der Porta Nigra in Trier, ein Stadttor aus dem 2. Jh. n. Chr. wurde im 12. Jh. eine Kirche. Erst im 19. Jh. ist sie wieder auf das ehemals römische Erscheinungsbild zurückgebaut worden.

Wenn Gebäude aus der Nutzung herausfallen, ist ihr Bestand gefährdet. In der Regel sind nutzungsentleerte Bauwerke nur durch eine nachhaltige Nutzung dauerhaft zu bewahren. Eine mögliche Alternative neben Umnutzung und Abriss ist die Aufgabe der Kirche, aber die Beibehaltung des besonderen Ortes - etwa als Kirchenruine. Der Grundgedanke dabei ist, dass es bei Kirchengebäuden nicht nur um die Funktion geht, sondern auch um die Bedeutung des Ortes.

Warum sollte man Kirchen keine andere Nutzung zugestehen?

Einige der bedeutendsten Architekturwerke haben nur überlebt, weil sie einer anderen Nutzung zugeführt wurden. Theologisch gesehen ist mit Kirche nicht der architektonischer Raum gemeint, sondern der Ort, wo Gläubige zusammenkommen. Und das kann theoretisch überall sein. Erst im 19. Jh. wurde die Nutzung der Kirchengebäude auf eine rein liturgische Funktion eingeschränkt. Bis dahin waren sie immer wieder auch für andere Zwecke gleichzeitig genutzt worden. Die katholischen Kirchen tun sich jedoch damit schwer, weil es sich um geweihte Räume handelt, während die evangelische Kirche nie ein Problem damit hatte, ihre Kirchengebäude auch für nicht kirchliche Veranstaltungen zu nutzen. Mit Martin Luther gilt, dass man auch in einem Schweinestall einen Gottesdienst feiern könne. D. h. für die ev. Theologie ist der Kirchenraum nur eine Funktionsfläche, für die kath. Theologie hingegen sind Kirchen als heilige Räume dem Profanen entzogen,

Gefährdet die profane Nachnutzung einer Kirche den symbolischen Gehalt der anderen sakralen Gebäude?

Dem gegenüber stehen dann Aussagen aus letzter Zeit, die einen neuen Verwendungszweck stark einschränken. „Schon eine geringe Zahl von Kirchen, die als Diskotheken, Einkaufszentren oder Fischrestaurants genutzt werden, gefährdet den Symbolgehalt auch anderer Kirchen“; so Bischof Dr. Huber von der Evangelischen Kirche Deutschlands. „Eine Diskothek in einer Kirche - so etwas ist mit uns nicht drin. Dann lieber Abriss.“ argumentiert Kardinal Georg Sterkzinsky und verteidigt damit die symbolische Konnotation von Kirchengebäuden. Tatsächlich hat man solche grenzwertigen Umnutzungen in der jüngeren Vergangenheit auch schon mit verschiedenen Kirchen praktiziert. Ist alles erlaubt was möglich ist?

  • So wurde die evangelische Martinikirche in Bielefeld, im neogotischen Stil erbaut, zum Restaurant „Glückseligkeit“.
  • oder im brandenburgischen Milow hat, 2000 Jahre nachdem Jesus die Händler aus dem Tempel geworfen hat, der schnöde Mammon eine ehemaligen Dorfkirche annektiert. Es fällt ins Auge, dass hier die Interdependenz von Innen und Außen fehlt. Die Außenwirkung sakraler Bauten hatte bisher immer etwas mit ihrer faktischen Nutzung zu tun. Nur eine als Kirche genutzte Kirche kann die Präsenz des Göttlichen im öffentlichen Raum symbolisieren. Wenn Funktionsbauten zu Symbolen aufgewertet werden, dann wird aus Architektur Corporate Architecture.Damit stellt sich die Frage, wie viel an Umnutzung kompatibel ist.

Eine Kathedrale für Allah?

Was die beiden christlichen Kirchen als überhaupt nicht machbar empfinden, ist die Umnutzung in eine Moschee oder Synagoge. Wegen der Symbolwirkung einer Kirchenschließung ist die kultische Nutzung durch nicht-christliche Religionsgemeinschaften unmöglich.“ (Arbeitshilfen 175 der Deutschen Bischofskonferenz) In der unausgesprochenen Konkurrenz zu anderen Glaubensgemeinschaften wäre das ein Zeichen von Schwäche. Viele empfinden heute christliche Kirchen als Trutzburgen im zunehmend feindlich-muslimischen Umfeld, obwohl als eine der monotheistischen, abrahamitischen Religionen diese dem Christentum nicht allzu fern stehen.

Hier spielt natürlich auch die Angst vor der Islamisierung unserer christlichen Hemisphäre mit. Trotzdem ist die kategorische Ablehnung einer Nachnutzung von Kirchen durch nicht-christliche Glaubensgemeinschaften zu hinterfragen, gerade weil die Kirche nicht durch eine unangemessene profane Nutzung entweiht wird. Aus geschichtlichen Aufzeichnungen können wir ersehen, dass Muslime christlichen Bauwerken durchaus mit Ehrfurcht begegnet sind. Nach der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 hinderte Mehmet II. seine Janitscharen-Truppen an der Zerstörung der Sophienkirche (532 - 537 n. Chr.), eines der bedeutendsten Bauwerke der Christenheit, und machte sie zur Moschee Hagia Sophia. Unter Atatürk wurde die Hagia Sophia 1932 zum Museum. In dem Gegenüber von Hagia Sophia und Sultan-Ahmet-Moschee in Istanbul spiegelt sich die Konkurrenz zweier Religionen, aber auch eine genuine Bewahrung und Konfliktbeseitigung.

Welche Bedeutung haben Kirchen über ihre Funktion als Gottesdienstort hinaus?

Kirchengebäude haben eine Funktion als Spiegelbild gesellschaftlicher, architektonischer und künstlerischer Entwicklungen. Sie liefern Schlüsselbeispiele der Baustile verschiedener Epochen.

„Ein Kirchenbau ist nie nur was er ist.“ (Prof. Dr. Fulbert Steffensky)

Kirchen haben einen Mehrwert jenseits aller Kosten-Nutzen-Rechnungen und über ihre reine Funktion hinaus. Sie sind das weithin sichtbare und weltweit bekannte Merkmal der Christenheit. Ein Unternehmen, das ein solch erfolgreiches branding einfach aufgibt, würde zwangsläufig seine Marktposition verlieren. Als man z. B. vor 1000 Jahren den Speyerer Dom errichtete, hatte man mit Sicherheit keinerlei wirtschaftliche Überlegungen ins Kalkül gezogen. Sonst hätte man für die wenigen Speyerer Bürger nicht eine Kirche von solch gigantischen Ausmaßen errichtet. Es ging darum Zeichen zu setzen, um christliche Repräsentanz. Kirchen verweisen allein schon durch ihre Präsenz auf eine Wirklichkeit, die sich nicht allein in ökonomischen Interessen und Zwängen erschöpft. Nicht der ökonomische Nutzen oder ein kurzfristiger ökonomischer Vorteil, sondern ihr Erscheinungsbild zählt.

Welche Relevanz haben Kirchen überhaupt für die Stadtplanung? Das Bild vieler Kommunen wird geprägt durch Leerstand. Nach Handel, Gewerbe sowie Büroimmobilien sind die Kirchen betroffen: Zwar steht der Glaube heute längst nicht mehr im Mittelpunkt des Seins, aber über ihre sakrale und spirituelle Bedeutung hinaus haben Kirchen in aller Regel auch eine ganz wesentliche städtebauliche Funktion. Sie sind ostentative Symbole in der Stadtstruktur und meist Kristallisationspunkt der städtebaulichen Umgebung. Sie prägen das Stadtbild positiv. Ihr Abbruch oder eine problematische Nachnutzung greift in wichtige städtebauliche Zusammenhänge ein. Die Schließung von Kirchen geht nicht nur die verschuldeten Bistümer und Landeskirchen an. Diese von Säkularisierung und Abriss bedrohten Kirchengebäude stellen nebst ihrer liturgischen Bedeutung unser einzigartiges baukulturelles Erbe dar. Die Sakralarchitektur mit ihrer mystischen Überhöhung repräsentiert die gesamte Architekturgeschichte.

Weitere Informationen

Ein Teilnehmer der Veranstaltung, Landschaftsarchitekt Hermann-Josef Ehrenberg, Kaiserslautern, Vorstandsmitglied der Architektenkammer Rheinland-Pfalz hat seine Gedanken zur Veranstaltung ebenfalls zusammengefasst. MEHR