Fengshui und Kaderkapitalismus
Spektakuläre Bauten werden von internationalen Stararchitekten wie Rem Koolhaas (Medienzentrum), Paul Andreu (Nationaltheater) und Norman Foster (Flughafenumbau) geplant und von Generalunternehmen gebaut, die sich aus Baubrigaden der ehemaligen Roten Armee entwickelt haben. Die Kader der alten kommunistischen Strukturen funktionieren noch. In Containern auf der Baustelle einquartierte Wanderarbeiter verdienen 160 Euro im Monat, Architekten immerhin bis zu 2.500 US Dollar.
Zwei Jahre vor den Olympischen Spielen zeigt China sich als ein Land, das einem privilegierten Teil seiner Bürger das Recht einräumt, sich zu bereichern, gegen seine Kritiker aber gnadenlos vorgeht. Die Präsenz von Militär und Polizei ist auffallend. Zu Maos Zeiten ging es der Macht um Kontrolle, heute geht es ihr ebenso um’s Geld. Mac Donalds, Starbucks Coffee, IKEA und Walmart sind schon da. Mao - auf Grossbildern im Stadtbild noch präsent - würde staunen.
Sehr unterschiedlich waren die Eindrücke des traditionellen und des modernen China.
Zeichnungen: Dr. Hans H. Heydorn, Dierdorf
Fotos: Maud Heydorn, Dierdorf/Berlin und Kathrin Jäschke, Wiesbaden.
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Fachkundige chinesische Reiseleiter führten die Gruppe zu Großbaustellen, u. a. zur Olympiahalle, dem „Vogelnest“. Und dann natürlich zum größten Bauwerk der Erde, der Großen Mauer, die sich wie ein Drache durch das Gebirge windet, sowie zum von Steinskulpturen gesäumten sogenannten Seelenweg‘ der Ming-Gräber.
Ein Empfang mit Vortrag und Meinungsaustausch im staatlichen „Urban Construction and Design Research Center“, eine Art chinesischer LBB, vermittelte den Eindruck, dass in China nicht nur „GucciGucci-Artikel“, sondern auch im Westen gemachte Fehler bei der Stadtentwicklung kopiert werden.
Hervorragend: Das Ausstellungszentrum für Stadtplanung am Tianàn men Platz. Am 350 qm großen Modell der 15-Millionen-Stadt im Maßstab 1:750 und durch den zugehörigen 3-D-Film kann man ahnen, wie diese Jahrtausende alte Stadt in atemberaubender Geschwindigkeit einer korrupten investorenfreundlichen Politik zum Opfer fällt. Dabei ist Peking nur die drittgrößte Stadt Chinas nach Schanghai - mit derzeit offiziell 16 Millionen Einwohnern - und ganz vorne Chongquing, eine auf vielen Hügeln erbaute 30 Millionen-Stadt, die es vor 10 Jahren noch gar nicht gab. Hier wurden bislang knapp zwei Millionen Menschen aus dem Distrikt des Dreischluchten-Staudammprojekts am Jangtze zwangsangesiedelt.
Wer noch etwas von dem mitbekommen will, was Peking so faszinierend macht, muss sich beeilen. Paläste, Tempel und Pilgerstätten liegen wie einsame allerdings gut behütete Inseln im Meer der Büro- und Wohntürme. Die typischen Hutong-Altstadtviertel mit ihren eingeschossigen Hofhäusern werden hinter riesigen Transparenten versteckt, um dann unbeobachtet abgerissen zu werden.
Täglich wird die unvorstellbare Anzahl von 10.000 neuen Autos neu zugelassen, die nach und nach die Millionenschwärme von Radfahrern ersetzen. Die Sonne verschwindet hinter einer Smog-Glocke. Für vier neue Autobahnringe wurden Schneisen in die Stadt geschlagen, nun gesäumt von gesichtslosen Gebäuden mit postmodernem Schnickschnack - zum Teil noch aus der chinesisch-stalinistischen Ära, von denen eins das andere durch Auffälligkeit übertrumpfen will. Das ursprüngliche ausgewogene Grundmuster der Stadt, basierend auf den alten Gesetzen des Fengshui von Gleichgewicht und Harmonie, geht verloren. Architektur wird als vorzeigbares Vehikel der modernen Marktwirtschaft, die unter kommunistischem Deckmantel agiert, eingesetzt.
Zum Abschluss: Dass einer der mitreisenden Kolleginnen oder Kollegen bei der Rückreise einen Joint-Venture-Vertrag in der Tasche hatte, ist zwar zu hoffen, aber eher unwahrscheinlich. Doch die Erfahrung, eine zukünftige Weltmacht in den Startlöchern zu sehen, war schon beeindruckend. Falls jemand seine Chance im Wachstumsmarkt China sehen sollte und daran denkt, Architektenleistungen nach Fernost zu exportieren, dem raten erfahrene Global-Player aus dem Mittelstand, möglichst selbstständig und begleitet von guten und erfahrenen Beratern vorwärts zu gehen.
Architekt Dr. Hans H. Heydorn, Dierdorf