Gebauter Aufbruch
Im Edith-Stein-Haus in Kaiserslautern wurde die Ausstellung "Neue Synagogen in Deutschland und den USA" gezeigt, eine Kooperation des Zentrum Baukultur und der Atlantischen Akademie.
„Die Gesellschaft macht die Religion“ sagte Professor Alfred Jacoby, Deutschlands renommiertester Architekt des neuzeitlichen Synagogenbaus, bei seinem Festvortrag anlässlich der Ausstellungseröffnung am 7. Mai in Kaiserslautern. Er führte die zahlreichen Zuhörer im Veranstaltungssaal des katholischen Edith-Stein-Hauses mit seiner Präsentation zunächst in das Himmlische Jerusalem, um anschließend in eindrucksvollen Exkursen die Geschichte des Synagogenbaus, die Geschichte des jüdischen Glaubens und seine architektonische Abbildung zu erläutern. Ganz unter dem Motto des diesjährigen Kultursommers „Gott und die Welt“ zeigte er wie Menschen sich mit Architektur und Kunst, Kultur und Natur ästhetisch spektakulär und zugleich demütig und bescheiden zu ihrer Religion im öffentlichen Raum bekennen können.
Jacoby stellte in seiner Einführung nicht nur seine zahlreichen gebauten Beispiele des jüdischen Gemeindelebens in Deutschland und den USA vor, sondern vermittelte zugleich einen authentischen Lebensweg der jüdischen Nachkriegsgeneration. Erst in den späten fünfziger Jahren kehrte seine Familie aus den USA nach Deutschland zurück, um sich ganz allmählich wieder in der alten Heimat einzurichten. Geistiges und geistliches Zentrum der kleinen jüdischen Gemeinden waren in der Zeit unscheinbare Gebäude in Hinterhöfen und an vernachlässigten Stadtplätzen, die dennoch existentielle Begegnungsstätten verunsicherter Gemeindemitglieder waren. Während sein alter Vater sich noch weigerte, in der düsteren Synagoge von Offenbach zu beten, bekannten sich Alfred Jacoby und seine jüdischen Freunde wie Salomon Korn und Dieter Graumann wieder zur deutschen Heimat und „packten ihre Koffer endgültig aus“. Was der Koffer alles beinhaltete, ließ Jacoby in seinem Vortrag offen, als sein Präsent an die deutsche Öffentlichkeit entstanden später allerdings zahlreiche jüdische Gotteshäuser, die eine neue, helle und lebensfrohe Sprache sprechen. Sie sind überzeugende Spiegelbilder einer selbstbewussten, eigenständigen Präsenz, wie sie vor der verbrecherischen Zerstörungswut im November 1938 allenfalls in prunkvoller Assimilationsarchitektur Ausdruck gefunden hatte.
Jacoby schlug schließlich den Bogen zur jüdischen Befindlichkeit in den USA, wo er in Park City, Utah, 2008 eine große Synagoge vor die grandiose Kulisse der Rocky Mountains baute. Der Gebetsraum erlaubt allerdings nicht den Blick auf die Schönheit der Natur, denn, so Jacoby, der jüdische Glaube sei kein Naturglaube. So findet auch die Vielfalt der modernen Synagogenarchitektur, die sehr flexibel an die örtlichen Gegebenheiten angepasst wird, ihre Grenzen in den grundlegenden Elementen des Glaubens.
Die Veranstaltung wurde von kurzen Grußworten des Direktors der Akademie, Wolfgang Tönnesmann, des Präsidenten der Architektenkammer, Gerold Reker, sowie vom Hausherrn des Edith-Stein-Hauses, Pfarrer Andreas Keller, eröffnet. Während Tönnesmann in besonderer Weise auf die deutsch-amerikanische Verbindung jüdischer Lebenswelten hinwies, stellte Reker die Verantwortung des Berufsstandes in der gesellschaftspolitischen Debatte, hier am Beispiel von Architektur und Religionsfreiheit im öffentlichen Raum, heraus. Pfarrer Keller erinnerte an die Wurzeln des Christentums, die nach wie vor tief in der jüdischen Geschichte und Glaubenswelt verankert sind. Vervollständigt wurde die anspruchsvolle und sehr gut besuchte Eröffnungsveranstaltung durch die international renommierte Mezzosopranistin Julia Oesch und den Pianisten Jens Barnieck, die zusammen Musikstücke jüdischer Komponisten wie Friedrich Gernsheim, Kurt Weill, George Gershwin und Aaron Copland eindrucksvoll und bewegend vortrugen.
Verantwortet wurde die Ausstellung von der Atlantischen Akademie Rheinland-Pfalz zusammen mit dem zb:zentrumbaukultur; gefördert wurde sie vom Land im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz. Dies ist bereits die zweite Kooperation zwischen der Akademie und der Architektenkammer, in der einem ausgesuchten Themenkomplex im Bereich Architektur und Gesellschaft transatlantisch, in Deutschland und den USA, nachgespürt wird.